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Die OPEC kann den Ölpreis nicht mehr entscheidend beeinflussen (© Getty Images)
Ölmärkte
07.08.2017

Jan Edelmann, Analyst der HSH Nordbank, erklärt, warum Kraftstoff zurzeit so billig ist und das Ölangebot steigt.

Ölexperte: Analyst der HSH Nordbank, Jan Edelmann (© HSH Nordbank)

Ölexperte: Analyst der HSH Nordbank, Jan Edelmann (© HSH Nordbank)

Zur Hauptferienzeit steigen traditionell die Benzinpreise, dieses Jahr ist das nicht so. Haben die Ölmultis die Lust am Geldverdienen verloren?

Jan Edelmann: Es gibt zwei entscheidende Gründe, weshalb die Benzinpreise momentan relativ niedrig sind. Zum einen lagen die Rohölpreise in den vergangenen Wochen im Schnitt unter 50 US-Dollar pro 159-Liter Fass. Zum anderen ist der Euro gegenüber dem US-Dollar deutlich stärker geworden. Das Plus beträgt seit Jahresbeginn über 15 Prozent. Das drückt die in Euro notierten Benzinpreise merklich.

Nach einem Absturz von über 100 US-Dollar pro Fass auf etwa 30 US-Dollar Anfang 2016, pendelt der Ölpreis seit einiger Zeit recht stabil um die 50 US-Dollar. Ist die Zeit der Turbulenzen am Ölmarkt vorbei?

Jan Edelmann: Seit 2010 ist die tägliche US-Ölfördermenge um gut 80 Prozent gestiegen. Als die Märkte verstanden haben, dass die Schieferöl-Revolution in den USA kein vorübergehendes Phänomen ist und die Kernländer der OPEC, also beispielweise Saudi-Arabien und Katar, aber auch Russland zur Verteidigung ihres Marktanteils 2015 und 2016 Rekordmengen produzierten, sind die Preise stark gefallen. Mittelfristig dürften sich die Ölpreise, denke ich, im Durchschnitt in einer Spanne zwischen etwa 40 und 60 US-Dollar bewegen. Preise unter 30 US-Dollar pro Fass sind ziemlich unwahrscheinlich, denn dann lohnen sich viele Projekte nicht mehr. Bei Preisen über 60 US-Dollar werden zusätzliche, teuer produzierende Anlagen, aktiviert. Allerdings halte ich im nächsten Jahr Preise von unter 40 US-Dollar – zumindest kurzfristig – für möglich.

Weshalb?

Jan Edelmann: Wir erwarten für nächstes Jahr generell ein steigendes Ölangebot. Einige große Förderprojekte, die vor ein paar Jahren angeschoben wurden, werden in Betrieb gehen. Dazu kommen Effekte aus der US-Schieferöl-Industrie. Mittlerweile haben die Fracking-Unternehmen ihre Technik verbessert und damit ihre Effizienz gesteigert. Das bedeutet, dass sie zu deutlich niedrigeren Preisen als noch vor ein paar Jahren produzieren können.

Lohnt sich Fracking bei aktuellen Ölpreisen von etwa 50 US-Dollar pro Fass?

Jan Edelmann: Die Frage ist, ab wann die Kapitalkosten gedeckt sind. Der break-even für die US-Fracker liegt – je nach Region – bei etwa 47 bis 52 US-Dollar. Dieses Niveau wird im Sommer wohl erreicht, auch weil die Nachfrage nach Rohöl in diesem Jahr um durchschnittlich etwa 1,6 Millionen Barrel pro Tag gegenüber dem Vorjahr höher liegen dürfte. Wir könnten zum Jahresende also an der Marke von 100 Millionen Barrel Rohöl täglichen Konsums kratzen. Die starke Nachfrage stabilisiert die Preise.

Bei den aktuellen Preisen bewegen sich viele Fracking-Firmen um die Nulllinie. Verabschieden sich angesichts dieser Situation nicht einige aus dem Geschäft?

Jan Edelmann: Die Fracking-Unternehmen treffen ihre Entscheidungen nicht auf Basis des aktuellen Ölpreises, sie sichern sich am Kapitalmarkt ab. Das haben viele zum Jahresbeginn getan, als die Ölpreise bei 53 bis 56 US-Dollar lagen. Das heißt: Der niedrige Ölpreis stört sie derzeit nicht besonders.

Aber die fallenden Preise dürften die Banken stören, bei denen sich Firmen abgesichert haben.

Jan Edelmann: Die Banken haben ihre Positionen neutralisiert – leiden dürften einige Spekulanten, vor allem Hedgefonds. Der Marktkonsens war Ende vergangenen Jahres sehr positiv und sah die Preise bei über 60 US-Dollar. Darauf haben einige gesetzt.

Hat die Opec durch die Fracking-Industrie ihre Macht verloren?

Jan Edelmann: Die Opec ist jedenfalls nicht mehr der „Swing-Produzent“, der die Ölpreise durch Produktionsveränderungen entscheidend beeinflussen kann, in früheren Jahren war das so. Jetzt kann die Schieferölindustrie ebenfalls schnell reagieren. Allerdings hat die Opec immer noch eine sehr wichtige Stellung am Markt, da sie für etwa ein Drittel der weltweiten Ölförderung steht.

Was ist Ihre Prognose für den Ölpreis im Laufe des weiteren Jahres?

Jan Edelmann: Ich rechne für den Rest des Jahres mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 52 bis 53 US-Dollar für die Nordseesorte Brent, bei WTI sind es etwa 1,5 US-Dollar weniger.

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