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(© Getty images)
Schwellenländer-Barometer
04.08.2017

Der Wachstumskurs in vielen Emerging Markets setzt sich fort. Viele Schwellenländer konnten im ersten Halbjahr ihre Wachstumsaussichten übertreffen, was ihren Währungen und Aktienmärkten Zulauf bescherte Setzt sich dies auch in der zweiten Jahreshälfte fort?

Die wirtschaftliche Erholung hat sich im letzten Monat in vielen Schwellenländern fortgesetzt. Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank notiert Anfang August unverändert zum Vormonat bei 39,8 Indexpunkten. In einem von wichtigen politischen Ereignissen geprägten Monat, u.a. vom G20 Treffen in Hamburg, sind Negativüberraschungen für die Weltkonjunktur ausgeblieben. Die Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer hat bei ihrem alljährlichen Treffen ihr grundlegendes Bekenntnis zum Freihandel bekräftigt. Für Emerging Markets sind dies positive Nachrichten, ist ihr Wachstumspotential doch vielfach von ihrer Exportfähigkeit abhängig. Inwieweit sich der Wachstumskurs der Schwellenländer in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt, bleibt spannend: Die Gouverneure der bedeutendsten Notenbanken haben im Rahmen ihrer jeweiligen geldpolitischen Ankündigungen im Juli bestätigt, an ihrem Kurs der graduellen Normalisierung festhalten zu wollen. Für die Kapitalmärkte in Emerging Markets könnte sich dies als Herausforderung erweisen, sollten internationale Investoren zukünftig wieder verstärkt Dollar- und Euro-Assets nachfragen. Zudem wirkt die gegenwärtige US-Dollar-Schwäche unterstützend. Da viele Schwellenländer auf externe Finanzierung in Dollar angewiesen sind, unterstützt diese Entwicklung diese Ländergruppe beim Schuldendienst. Insgesamt werden die US-Wirtschafts- und Handelspolitik und der geldpolitische Kurs der wichtigsten Notenbanken den Kurs der Schwellenländer in der zweiten Jahreshälfte maßgeblich bestimmen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf einer Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Das Länderbarometer für Brasilien zeigte sich im zurückliegenden Monat unverändert. Das Länderrisiko notiert mit gegenwärtig 36,7 Indexpunkten auf einem vergleichbaren Niveau wie zur vorherigen Periode. Die erfreuliche Entwicklung der brasilianischen Börse Bovespa und die anziehenden Weltmarktpreise für Eisenerz haben maßgeblich zur Stabilisierung der brasilianischen Stresswerte beigetragen. Auch makroökonomische Fundamentaldaten belegen eine Erholung der Wirtschaft Brasiliens. So konnte die Industrieproduktion im Mai mit 4,0% YoY die Analysteneinschätzungen übertreffen. Wesentliche Risiken bilden weiterhin die politischen Diskussionen um den Schmiergeldskandal von Staatspräsident Michel Temer.

Auch Indien setzt seinen wirtschaftlichen Stabilisierungskurs fort. Das Länderbarometer für das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt gibt mit 41,6 Indexpunkten nahezu den identischen Wert zum Vormonat wieder. Der Anstieg der Aktienmärkte wurde im Hinblick auf seine Wirkung auf die Stresswerte durch das Anziehen der Ölpreise wieder neutralisiert. Die robuste wirtschaftliche Entwicklung gibt auch Spielraum für Reformen. Die Regierung Modi hat im vergangenen Monat mit der Einführung einer landeseinheitlichen Mehrwertsteuer ein maßgebliches Reformpaket verabschiedet, welches die wirtschaftliche Entwicklung Indiens langfristig stärken könnte.

Kaum Veränderungen in den Stresswerten sind ebenfalls für die Türkei erkennbar. Das Länderbarometer gibt mit 31,3 Indexpunkten ein eher niedriges Stresslevel wieder, welches sich zum Vormonat nochmals geringfügig reduzierte. Dabei war durchaus Bewegung in den Risikofaktoren der Türkei zu beobachten. Während die haussierende Borsa Istanbul und zurückgehende Anleihespreads der Türkei zur Stabilisierung des Länderbarometers beitrugen, kehrten die steigenden Ölpreise und die schwächere Türkische Lira diese Effekte um. Die politische Instabilität der Türkei kann allerdings jederzeit zu einer Erhöhung der Stresswerte führen.

Indonesien bleibt auf Wachstumskurs. Erst kürzlich hat der IWF seine Wachstumsprognose für den Pazifikstaat in 2017 von 4,5% auf 4,8% erhöht. Internationale Anleger honorierten diese Wachstumsaussichten mit steigenden Investments in den indonesischen Aktienmarkt.

Analog notieren die Stresswerte in unserem Schwellenländer-Barometer mit 46,5 Indexpunkten weiter auf einem niedrigen Niveau. Zudem helfen die anziehenden Ölpreise im letzten Monat dem Nettoexporteur Indonesien bei der Reduktion der länderspezifischen Risiken. Die steigenden Weltmarktpreise für Rohöl hatten indes kaum Auswirkungen auf das Stressniveau für Russland. Mit 38,1 Indexpunkten gibt das Länderbarometer annähernd denselben Wert wie zur zurückliegenden Periode wieder. Die leichte Abwertung des Russischen Rubels und zurückgehende Gaspreise wirkten der Erholung der Rohölpreise entgegen.

Der Rückgang in den Stresswerten für China setze sich im vergangenen Monat fort. Das Länderbarometer für das bevölkerungsreichste Land der Welt notiert gegenwärtig bei 44,3 Indexpunkten und somit 2,3 Punkte niedriger als im Vormonat. In der Länderbetrachtung wirkten sich die steigenden Rohölpreise negativ auf die Stresswerte des rohstoffhungrigen Landes aus. Jedoch konnte die Stabilisierung des chinesischen Renminbis sowie die anhaltende positive Stimmung auf die chinesischen Börsen die steigenden Rohölpreise mehr als kompensieren. Auch die Fundamentaldaten suggerieren eine hohe wirtschaftliche Dynamik. Die Einzelhandelsumsätze legten im Juni 11,0% YoY zu. Zudem traf Chinas Wirtschaftswachstum mit 6,9% im zweiten Quartal die Analysteneinschätzungen. Wesentlicher Stützpfeiler des BIP-Wachstums bleiben die Anlageinvestitionen, die im Juni um 8,6% YoY zulegen konnten.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.