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Eine nennenswerte Entspannung im Länderrisiko verzeichnete Indien (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
06.06.2017

Die Risiken für Schwellenländer scheinen durch die globale Konjunkturbelebung abzunehmen. Allerdings steht der globale Handel mit seinen Warenströmen auf wackeligen Füßen, denn der Protektionismus wirft weiter seinen Schatten auf viele Schwellenländer.

Die Risiken für Emerging Markets sind im Mai gemessen am Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank weiter zurückgegangen. Der Gesamtindex ging von einem Niveau von 41,6 Indexpunkten Anfang Mai unter die Schwelle von 40 Indexpunkten zurück. Angesichts der Vielzahl an politischen und ökonomischen Unsicherheiten im vergangenen Monat gibt der aktuelle Indexstand von 39,9 (Stand 02.06.2017) wohl nur eine Momentaufnahme wieder. Denn gerade in den letzten Tagen haben die geopolitischen Unsicherheiten, wie der Fortschritt des weltweiten Warenverkehrs oder die Zukunft des globalen Klimaschutzes, erneut an Fahrt aufgenommen. Die US-Handelspolitik diskutierte in den letzten Wochen handelspolitische Maßnahmen zum Schutz der eigenen Industrie, wie Importbeschränkungen und Strafzölle für einzelne Produktgruppen. Zudem sind mit dem jüngst beschlossenen Ausstieg aus dem Klimaabkommen vermutlich Erleichterungen für die US-Industrie verbunden. Da viele Schwellenländer ihren Wohlstand auf ihrer Exportfähigkeit und Industrieproduktion aufbauen, haben diese Beeinträchtigung der globalen Handelsströme und ein Rückgang der Exporte in die USA enorme Auswirkungen auf ihr Wirtschafts- und Wohlstandswachstum. Der Rückgang im Schwellenländer-Barometer könnte insoweit nur ein kurzfristiger sein.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet die Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, als die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dezember 2012 bis heute)

Brasilien hat im vergangenen Monat gemessen an unserem Länderindex einen Rückgang seiner Krisenwerte zu verzeichnen. Der Indexstand für das lateinamerikanische Land ging von 35,1 auf 34,4 Indexpunkte zurück. Der Länderindex war im letzten Monat von einer hohen Volatilität geprägt, die vor allem im Zusammenhang mit den jüngsten politischen Entwicklungen in Brasilien im Zusammenhang stehen. Staatspräsident Michel Temer steht im Fokus eines Korruptionsskandals, in welchem ihm Justizbehinderung und die Annahme von Schmiergeldzahlungen vorgeworfen werden. Der Skandal löste landesweite Proteste aus, die vielerorts durch den Einsatz von Polizei und Militär aufgelöst wurden. In dieser Phase politischer Eskalation verlor der brasilianische Aktienindex Bovespa rund 10 % an Wert. Auch die Anleihespreads Brasiliens zu den USA weiteten sich um 25 Basispunkte aus. Wir raten Investoren und Marktteilnehmer inmitten dieser hitzigen politischen Lage zu besonderer Vorsicht im Umgang mit dem lateinamerikanischen Land.

Eine nennenswerte Entspannung im Länderrisiko konnte Indien verzeichnen, dessen Länderbarometer sich von 47,6 auf 42,2 verringerte. Diese Entwicklungen wurden maßgeblich von einem Rückgang in den Anleihespreads zu US-Treasuries, stabilen Rohstoffpreisen und dem haussierenden indischen Aktienmarkt getragen. Das BIP des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Erde wuchs im vierten Quartal 2016 6,1 % YoY und unterschritt die Analysteneinschätzungen deutlich. Die langfristigen Aussichten für Indien bleiben jedoch robust. Gegenwärtig verhandelt Premierminister Narendra Modi in Brüssel über ein Freihandelsabkommen mit der EU, was dem indischen Wirtschaftswachstum langfristig zusätzlichen Schub geben könnte.

Eine wirtschaftliche Entspannung ist auch in der Türkei zu beobachten. Unser Länderbarometer ging von 36,1 Indexpunkten auf 33,9 zurück. Besonders die Stabilisierung der Türkischen Lira, günstige Importpreise für Rohöl und der Auftrieb der Borsa Istanbul führten zu einem Risikorückgang gemessen an unserem Länderbarometer. Dabei bleiben die politischen Risiken für das Land immanent.

Entgegen dem Gesamtindex sind die länderspezifischen Risiken für Indonesien praktisch gleichgeblieben. Das Länderbarometer stieg lediglich von 44,3 auf 44,4. Besonders die rückläufigen Preise für Indonesiens wichtigste Exporte, Rohöl und Erdgas sowie Kohle, wirkten sich im letzten Monat aus. Andere Betrachtungsfaktoren, wie die indonesischen CDS-Spreads und die Landeswährung Rupie, konnten sich im Betrachtungszeitraum stabilisieren. Ziehen die Exportpreise wieder an, sollten sich die Stresslevels für Indonesien reduzieren.

Für Russland ist eine Erhöhung der Stresslevel zu beobachten. Der Länderindex erhöhte sich durch die nachteilige Rohstoffpreisentwicklung von 33,7 auf 35,1 und Mit dem Preisverfall für Rohöl und Erdgas gingen auch Kursverluste im rohstoffintensiven russischen Aktienindex einher. Insgesamt wuchs die russische Wirtschaft im ersten Quartal nur 0,3 % YoY. Auch zukünftig werden die Rohstoffpreise die Achillesferse Russlands bleiben.

Auch China konnte im letzten Monat einen Rückgang im länderspezifischen Stresslevel aufweisen. Der Länderwert sank von 52,5 auf 48,9 Indexpunkte. Diese Entspannung wurde vor allem durch eine Aufwertung im Chinesischen Yuan und den Rückgang der Ölpreise getragen. Dabei vermehren sich die Anzeichen einer konjunkturellen Abschwächung für das Riesenreich. Der chinesische Einkaufmanagerindex Caixin für das Verarbeitende Gewerbe notierten zuletzt unter der Expansionsmarke und auch die Industrieproduktion blieb hinter den Erwartungen zurück. Zuletzt sorgte auch die Entscheidung der Ratingagentur Moody’s für Aufsehen, die Kreditwürdigkeit Chinas herunterzustufen. Im Fokus steht der hohe private und öffentliche Schuldenberg, bei dessen Reduzierung keine nennenswerten Fortschritte erzielt werden konnten. Die Ratingentscheidung könnte internationale Investoren zu einer Abkehr von China verleiten.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (August 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.