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Auf Sparflamme: Der Abbau der Ölreserven hat Auswirkungen auf die Märkte (© Getty Images)
Ölmärkte
21.06.2017

„Die Anleger hatten sich wohl beim letzten OPEC-Treffen längere und tiefere Kürzungen erhofft“, sagt HSH Nordbank-Analyst Jan Edelmann.

Zwei divergierende Kräfte dominieren gegenwärtig das Geschehen an den Ölmarkten: Der Abbau der rekordhohen Öllagerbestände sowie die Unsicherheit bezüglich eines erneuten Angebotsüberschusses in 2018. Der letztgenannte Punkt gewann dabei seit der OPEC-Sitzung am 25. Mai Oberwasser und sorgte für einen Sturz der Ölpreise unter die 50 US-Dollar/Barrel-Marke. Gegenwärtig notiert die Nordseesorte Brent auf einem neuen Jahrestiefstand von 46,8 US-Dollar/Barrel. Unserer Ansicht nach ist allerdings der jüngste Preissturz notwendig, um zunächst das Wachstum der US-Schieferölindustrie zu verlangsamen und in der Folge den Ölmarkt nachhaltig ins Gleichgewicht zu bringen, was wiederum in Spotpreisen über dem jetzigen Niveau und langfristigen Preisen unter den jetzigen Terminpreisen resultieren sollte. Unsere Prognose für das dritte Quartal dieses Jahres liegt nunmehr bei 56 US-Dollar/Barrel.

Lagerabbau beschleunigt sich über die Sommermonate

Vor drei Wochen einigten sich die OPEC-Staaten mit ihrem Verbündeten Russland die im November 2016 beschlossenen Produktionskürzungen von 1,8 Mio. Barrel/Tag bis Frühjahr 2018 zu verlängern. Aber statt zu steigen, fielen die Preise unerwartet stark. Brent gab seit dem Beschluss um 6 auf 47 US-Dollar/Barrel nach. Die Anleger hatten sich wohl mehr erhofft: Längere und tiefere Kürzungen. Wir stehen weiterhin zu unserer Ansicht, dass die Ölmärkte in den kommenden beiden Quartalen weiter Fortschritte bei der Suche nach einem neuen Gleichgewicht machen werden. Maßgeblich für die Preisentwicklung in nächster Zeit wird daher sein, wie schnell die Öllagerbestände abgebaut werden können.

Seit unserer letzten Ausgabe der Rententrends konnten wir signifikante Fortschritte beim Abbau der Öllagerbestände feststellen. Unsere Analyse der Lagerbestände in den USA, Europa, Singapur und Japan zeigt einen Abbau der Öllagerreserven von 33 Mio. Barrel im Mai, was dem größten Rückgang innerhalb eines Monats in den vergangenen zehn Jahren entspricht. Seit Ende März sind die Ölreserven um insgesamt 44 Mio. Barrel gefallen. Dies ist deshalb besonders überraschend, da gewöhnlich zu dieser Jahreszeit ein saisonaler Aufbau von durchschnittlich 27 Mio. Barrel zu beobachten ist. Diese Rückgänge resultierten aus einer Kombination von einer geringeren Fördermenge von Seiten der OPEC und ihrer Verbündeten sowie einem robusten globalen saisonbedingten Nachfragewachstum, welches wir in 2017 auf einem Durchschnitt von 1,55 Mio. Barrel/Tag sehen. Wir sehen dies jedoch nicht mehr als Indikator dafür, dass dies die Preise über 60 US-Dollar/Barrel steigen lässt, denn das dürfte die US-Schieferölproduktion verstärkt ausnutzen und das eigene Angebot ungebremst ausweiten. Zudem dürften die Produzenten mit niedrigen Förderkosten (OPEC und Russland) bei Erreichen des Rückbaus der Lagerbestände auf den Fünfjahresdurchschnitt ihre Kürzungen wieder in erhöhten Output umwandeln, womit die Bestandsrückgänge nur von kurzer Dauer sein sollten. Einen kurzfristigen Anstieg der Ölpreise auf 56 US-Dollar/Barrel halten wir jedoch für denkbar.

Investitionen aus Zeiten des Commodity-Super-Cycles beginnen mit der Förderung

In den kommenden beiden Jahren (2018-19) erwarten wir die Inbetriebnahme zahlreicher Projekte, deren Investitionsentscheidung vor dem Kollaps der Ölpreise im Jahr 2014 getroffen wurde. Da die Jahre zwischen 2010 bis 2013 Rekordjahre in den Capex-Engagements darstellten, glauben wir, dass dieser Investitionszyklus enorme Volumina in den kommenden Jahren an den Markt bringen wird. Insbesondere stehen zahlreiche neue Projekte in Russland und Brasilien zur Fertigstellung und Inbetriebnahme in diesem und im kommenden Jahr an. Allein in den kommenden 18 Monaten werden rund 1,2 Mio. Barrel/Tag zusätzlich gefördert. Damit nicht genug. Der Rig Count in den USA hat sich von dem Tief im vergangenen Mai kräftig erholt. Wir zählen heute mit 741 Bohrköpfen ca. 450 Rigs mehr als vor rund einem Jahr. Mit einer durchschnittlichen Rig-Produktivität von 3-4 Tsd. Barrel/Tag bedeutet dies ein Produktionsdelta von 1,2 – 1,6 Mio. Barrel/Tag. Wenn unsere Prognose zutreffen sollte, werden Schieferöl-Capex-Maßnahmen erst Ende 2017 zu einem Stillstand kommen. Die Folge wäre eine Ausweitung der Schieferölproduktion bis mindestens zum Frühjahr 2018.

Jüngster Preisrückgang wichtig für Ausbalancierungsprozess

Dennoch sehen wir in der Kombination aus Ängsten vor 2018 und einem signifikanten Abbau der Lagerbestände in 2017 keinen Konflikt. Es ist wahrscheinlich, dass es Teil eines Ausbalancierungsprozesses ist. Dies ist insbesondere wichtig für Schieferöl, denn wir glauben, dass niedrigere mittelfristige Preiserwartungen die bindende Kraft sind, um das Wachstum auf ein für den Markt gesundes Niveau zu verlangsamen.

Unserer Meinung nach übersieht der Markt jedoch gegenwärtig, dass der Lagerbestandsabbau sich weltweit beschleunigt. Die Skepsis im Bezug auf Nachhaltigkeit des Lagerbestandsabbaus hat sich in letzter Zeit vor allem wegen schwacher Daten aus China und Libyen /Nigeria verstärkt:

  • Wir sehen den jüngsten chinesischen Öl-Importrückgang als einfache Reflektion von den vorherigen exzessiven Importen, als zwischen Januar und April ein Importanstieg von bis zu 1 Mio. Barrel/Tag YoY auf der Tagesordnung waren, was dem Doppelten an lokalem Nachfragewachstum entspricht.
  • Im Falle von Libyen und Nigeria glauben wir, dass die kumulierte Produktion bis zu 450 Tsd. Barrel/Tag im dritten Quartal höher sein wird als in Q1-2017 und somit hinter den Regierungszielen zurückbleiben sollte. Zudem dürfte die Produktion in beiden Ländern weiterhin einer sehr hohen Volatilität unterliegen, was vor allem auf politische Unsicherheiten zurückzuführen ist.

Ölpreisprognose

Insgesamt prognostizieren wir, dass die Öllagerreserven weiterhin in einem anständigen Tempo in den kommenden Monaten abgebaut werden. Wir erwarten daher, dass die Preise am kurzen Ende der Terminkurve zulegen werden und sich die Terminpreiskurve (zumindest temporär) weiter abflachen sollte. Für unsere Ölpreisprognose bedeutet dies, dass wir über die Sommermonate einen Anstieg des Brent-Ölpreises auf 56 US-Dollar/Barrel (zuvor: 58 USD/bbl) erwarten. Zudem erwarten wir nun einen leicht niedrigeren Ölpreis zum Jahresende von 51 US-Dollar/Barrel. In 2018 erwarten wir mit 45 US-Dollar/Barrel einen Durchschnittsölpreis auf dem Niveau des Jahres 2016. Der Preisrückgang im kommenden Jahr wird eine Folge eines erneuten Angebotsüberschusses sein, der auch durch den jüngsten Preisrückgang nicht mehr aufgehalten, jedoch aber abgemildert werden kann.

So zeigen Daten für Ölpreisswapgeschäfte, also Preisabsicherungsgeschäfte für Konsumenten und Produzenten über einen Finanzintermediär, dass diese mit dem Fall der Ölpreise unter 53 US-Dollar/Barrel sich sichtbar verlangsamt haben. D.h. dass insbesondere die US-Fracker mit dem Preisrückgang der vergangenen Wochen ihre Preisabsicherungsaktivitäten gestoppt haben, um die eigene Fördermenge zu höheren Preisen abzusichern. Angesichts der Beziehung zwischen Produzenten-Hedging und Bohraktivität deutet der Rückgang bei den Absicherungsgeschäften darauf hin, dass sich die Bohraktivität in den kommenden Monaten verlangsamen dürfte. Damit sollte dem drohenden Überangebot im kommenden Jahr zumindest teilweise Einhalt geboten werden.