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Vernetztes Bikesharing in Dänemark: Fahrräder verfügen über Displays (© Getty Images)
Erster Botschafter für Digitales

„Wollen verstehen, wie die Welt funktioniert“

29.05.2017

Dänemark erhebt den Lobbyismus in einen diplomatischen Status. Als erstes Land der Welt will es einen digitalen Botschafter ernennen, der die Beziehungen des Landes zu großen Firmen wie Apple, Microsoft und Google pflegen soll. „Diese Konzerne sind eine Art neue Nationen geworden, und dazu müssen wir uns verhalten“, sagt Dänemarks Außenminister Anders Samuelsen. „Das sind Firmen, die Dänemark genauso beeinflussen wie andere Länder.“ Dänemark erhofft sich, bei neuen technologischen Entwicklungen sowie den politischen und ethischen Fragen, die sich daraus ergeben, vorn dabei zu sein und für Investoren attraktiver zu werden. Offenbar tragen diese Bestrebungen schon Früchte. Facebook hat angekündigt, ein Datenzentrum in Odense zu errichten. Gegenüber UP Nord definiert Anders Samuelsen die Aufgaben des Tech-Botschafters und wehrt sich gegen Populismus-Vorwürfe.

Der 49-Jährige Anders Samuelsen gehört seit 2007 als Gründungsmitglied der dänischen liberal-konservativen Partei Liberal Alliance an, zuvor war er Mitglied im Europaparlament. Seit Novemer 2016 ist er Außenminister in der Regierung Rasmussen. (© Getty Images)

Was hat Sie dazu bewogen, einen Botschafter für Apple, Facebook und Google zu entsenden?

Anders Samuelsen: Die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisieurng voranschreitet, ist atemberaubend. Wir müssen sicherstellen, dass wir die Auswirkungen dieser Prozesse auf unsere Gesellschaft richtig verstehen; und zwar im weitest möglichen Sinne: Politisch, wirtschaftlich und auch ethisch.

Warum führen ausgerechnet die Themen Technologien und Digitalisierung die außenpolitische Agenda Dänemarks an?

Anders Samuelsen: Aus zwei Gründen: Wir können in Dänemark die Themen Digitalisierung und Technologien nicht länger angehen wie eine Blackbox. Auf der anderen Seite hat Dänemark auf diesem Gebiet auch etwas zu bieten. Es hat sich die Digitalisierung bereits bisher in einem sehr großen Ausmaß zunutze gemacht. Auf dem „Digital und Society Index“ der EU-Kommission werden wir auf Platz eins geführt. Wir sind diplomatisch gesprochen eine „soft power“. Aber es gibt auch Herausforderungen. Wir brauchen zum Beispiel mehr IT-Spezialisten.

Wie definieren sich die Aufgaben des Tech-Botschafters

Anders Samuelsen: Er wird einer neuen TechPlomacy-Initiative vorstehen, die Technologien und Digitalisierung im Auswärtigen Dienst Priorität einräumt. Eine seiner wichtigsten Aufgabe wird sein, Beziehungen zu Schlüsselfiguren von Google, Facebook, Apple und Alibaba aufzubauen und zu pflegen; zu Start-ups und Universitäten, zu NGOs, Städten und Gemeinden, die wertvolle Einblicke in diese Themenfelder haben. Wichtig sind Sicherheitsaspekte wie Cyberkriminalität, Dronen und Datenschutz. Es wird aber auch viel um Digitalisierung als humanitäre Hilfe in Entwicklungsländern gehen. Und natürlich um Bereiche wie Energie, Gesundheitswesen, Bildung, Mobilität und Infrastruktur.

Sie machen mit der Ernennung eines Tech-Botschafter das Lobbying politisch salonfähig.

Anders Samuelsen: Dessen sind wir uns bewusst. Sich breit aufzustellen, was Kontakte zu Unternehmen und Zivilbevölkerung betrifft, das haben Botschafter schon immer getan. Und parallel müssen wir die digitale Agenda auch durch klassische Diplomatie vorantreiben. Aber wir müssen jetzt mehr tun. Wir müssen das Thema viel systematischer als bisher angehen. Schauen Sie sich die Marktwerte von Apple und Google an: Wären sie Länder, würden sie fast zu den G20-Nationen gehören, zu den 20 größten Wirtschaftsmächten der Welt. Das können wir nicht ignorieren.

Ihre Kritiker sprechen mehr von einem symbolischen Akt. Wie wehren Sie sich gegen den Populismus-Vorwurf.

Anders Samuelsen: Ich versichere Ihnen, dass das keine symbolische Besetzung ist. Das Ziel der TechPlomacy ist klar: Wir wollen besser verstehen, wie die Welt funktioniert, in einem Bereich der lebenswichtig für Dänemark ist. Gleichzeitig wollen wir unsere Interessen, Werte und Visionen in einem relevanten Umfeld vertreten.

Wo wird der dänische Tech-Botschafter seinen Sitz haben?

Anders Samuelsen: Im Silicon Valley. Aber er wird auf der ganzen Welt unterwegs sein. Wir werden unsere bestehenden Botschaften als Außenposten für unsere Tech-Diplomatie benutzen, die Information sammeln und nach Dänemark berichten.

Dänemark hat wie kaum ein anderes Land begriffen, dass man die Digitalisierung als Chance sehen muss. Das Land mit seinen nur gut 5,8 Millionen Einwohnern (Grönland und die Färöer-Inseln mitgezählt) liegt auf dem Digitalisierungsindex der EU-Kommission an der Spitze – vor Finnland, Schweden und den Niederlanden. Deutschland erscheint in dieser Statistik erst auf Platz elf. Noch weiter im Hintertreffen liegt Deutschland bei den Preisen für Datenvolumen im Mobilfunk. Für gut 26 Euro bekommt man laut dem Digital Fuel Monitor in Deutschland gerade einmal sechs Gigabyte pro Monat. Das ist der drittletzte Platz in der EU. Auch hier liegt Dänemark erneut vorne. Für nur 15,50 Euro pro Monat können die Dänen mobil unbegrenzt Daten abrufen.