SUCHE

Mobilität
22.11.2017

Die Welt der Mobilität erlebt einen stürmischen Wandel. Autonomes Fahren, alternative Antriebstechnologien und neue Verkehrskonzepte werden viele Märkte verändern. Car- und Ridesharing revolutionieren den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Handel, Transport und Logistik werden durch Lastwagen- Konvois, mobile Packstationen und Drohnen grundlegend verändert. Die Elektromobilität bietet eine Vielzahl neuer Geschäftsfelder. Welche Konsequenzen sich daraus für den Mittelstand ergeben und welche Weichen bereits heute gestellt werden, wird auf einer Diskussionsveranstaltung von UP Nord in Hamburg erörtert. Branchenexperten gehen davon aus, dass es künftig internetbezogene Plattform für Mobilität geben wird. Für alle Player auf dem Mobilitätsmarkt bedeutet die Umstellung harte Brüche, wie UP-Nord-Autor Dr. Holger Schmidt darlegt.

Bob Lutz hat fast sein ganzes Berufsleben in Führungspositionen der Autoindustrie verbracht. Nun hat sich der 85-Jährige wieder zu Wort gemeldet – und sich für sein Timing gelobt, rechtzeitig in den Ruhestand gegangen zu sein. Denn autonomes Fahren zerstöre die Autobranche, zumindest aber Premiumhersteller wie Mercedes oder BMW, lautet seine steile These. Seine Begründung ist nicht ganz trivial: Statt SUVs und Sportwagen fahren auf den Straßen künftig autonome Fahrzeuge im Einheitslook und Einheitstempo. „Das bedeutet den Todesstoß für Unternehmen wie BMW, Mercedes-Benz und Audi, denn ihre Art von Leistung wird nicht mehr zählen“, erwartet Lutz.

Mobilität werde „On demand“: Die Menschen besitzen keine eigenen Autos mehr, sondern ordern bei Bedarf passende autonome Fahrzeuge. Die gehören zu großen Flotten, betrieben von Unternehmen wie Uber, Lyft oder Amazon, in deren Kassen auch der Großteil der Wertschöpfung landet, prognostiziert der Auto-Veteran.

„Die Ära des von Menschen gelenkten Autos wird in 20 Jahren vorbei sein“

Bob Lutz, US-Automanager

Der Unterschied zwischen autonomen Autos liege nur noch in der Ausstattung: „Es wird Basis- und Luxusmodule geben, mit Kühlschrank, Fernseher und voller Computer-Konnektivität.“ Definiert wird die Ausstattung von den Flottenbetreibern, die auch das passende Ecosystem mit Ladestationen aufbauen und damit große Teile der heutigen automobilen Infrastruktur überflüssig machen. „Die Ära des von Menschen gelenkten Autos, seiner Reparaturwerkstätten, seiner Händler und der Medien, die es umgibt, wird in 20 Jahren vorbei sein“, prognostiziert Lutz.

Ganz so utopisch, wie Lutz’ Vision für das Jahr 2037 auf den ersten Blick daherkommt, ist die Vorstellung nicht. Die ersten autonomen Autos ganz ohne Fahrer werden im Auftrag von Alphabets Waymo schon in Kürze auf den Straßen Kaliforniens unterwegs sein. Bis 2021 werden sich die selbstfahrenden Autos auch in den engen Städten Europas zurechtfinden, erwartet Johann Jungwirth, der Digitalchef von Volkswagen. Damit bliebe genug Zeit für den Austausch der klassischen in autonome Autos.

Daimler investiert in den Peer-to-Peer-Anbieter

Für die nötigen Anreize zum Umstieg sorgt die Technologie selbst: Nach Berechnungen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) erbringen 20 Prozent der heute rollenden Autos die gleiche Transportleistung, wenn sie autonom fahren und geteilt werden. Eine riesige Entlastung für Städte und Umwelt. Gleichzeitig sinken die Kosten für die Passagiere in dem Szenario um etwa zwei Drittel im Vergleich zum Besitz eines eigenen Autos, das durchschnittlich 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumsteht. Ökonomisch ist die Vision von Lutz also durchaus plausibel. Bleibt als zentrale Frage: Wer gewinnt das Rennen um die Mobilitätsplattform der Zukunft?

Um künftig keine Hardwarehersteller in einer von Uber, Alphabet oder Amazon beherrschten Mobilitätswelt zu sein, bauen auch (fast) alle Autohersteller solche Mobilitätsplattformen auf. Daimler hat gerade in den Peer-to-Peer-Anbieter Turo investiert, der im kommenden Jahr in Deutschland starten und gemeinsam mit der Daimler-Tochter MyTaxi den Markt aufrollen soll. Zudem sind die Stuttgarter am Chauffeursdienst Blacklane und sogar an Flixbus beteiligt. Volkswagen hat sich beim israelischen Anbieter Gets eingekauft, will nun aber offenbar kein Geld mehr nachschießen, sondern lieber in den Aufbau eigener Dienste investieren. BMW setzt gemeinsam mit Sixt auf DriveNow.

Auf dem Weg in die Zukunft: Eine amerikanische Uber-Flotte mit Vorrichtungen, die autonomes Fahren ermöglicht (© Getty Images)

Doch die Konkurrenz ist härter geworden, weil Wettbewerber in größeren Märkten wie den USA bessere Startvoraussetzungen mitbringen und auch mehr Geld investieren. General Motors ist mit seinem Dienst Maven schon recht erfolgreich in den USA unterwegs und hat sich mit viel Geld beim schnellwachsenden Uber-Konkurrenten Lyft eingekauft, ebenso übrigens wie Alphabet. Renault, Nissan und Mitsubishi haben die „Allianz 2022“ mit dem Ziel gegründet, in spätestens fünf Jahren als Flottenanbieter für autonome Taxis am Start zu sein. Und aus China heraus expandiert nicht nur der dortige Marktführer Dixi Chuxing, der mit 450 Millionen Nutzern schon die weltweit größte Reichweite hat. Auch die Plattform-Giganten Alibaba und Tencent investieren in selbstfahrende Auto, wohl wissend, dass Mobilität neben dem E-Commerce in einigen Jahren zu den größten Plattform-Märkten der Welt gehören wird. Dazu kommen noch Dutzende Versuche von Quereinsteigern wie der Deutschen Bahn, deren selbstfahrender Elektrobus „ioki“ den Anschluss an die Schiene liefern soll.

Das Ziel ist attraktiv und Geld ist in der digitalen Welt zur Genüge vorhanden. Aller Voraussicht nach wird es aber keinen „Winner-takes-it-all“ geben, sondern regionale Champions. Uber dominiert bisher in den USA; Didi Chuxing in China, Grab in Südostasien und Daimlers MyTaxi in Deutschland. Das muss nicht so bleiben. Lyft macht mit Unterstützung seiner mächtigen Investoren im Moment Boden gegenüber Uber gut, das aber mit dem neuen CEO Dara Khosrowshahi und einer Finanzspritze der japanischen Softbank zu alter Stärke zurückkehren könnte.

Mehr Software als Hardware gefragt

Auf der Rechnung sollte man aber unbedingt auch Tesla haben, das seine Autos von Anfang an für das autonome Zeitalter konzipiert hat. Teslas Vorteil ist das Plattform-Modell. Elon Musk hat ein Ecosystem rund um das Auto aufgebaut, um mit Hilfe seiner Partner stärker zu werden. Beispiel Airbnb: Tesla stellt den Vermietern der Airbnb-Wohnungen Ladesäulen vor die Tür. Davon profitieren beide Seiten: Die Wohnungen werden attraktiver, und Tesla löst auf diese Weise das Problem, Ladekapazitäten in dicht besiedelten Wohngebieten zu schaffen. Oder Solar Roof: Die Solarzellen auf dem Dach liefern den Strom, um das Auto aufzuladen, was die Betriebskosten weiter senkt. Bis Ende 2018 sind die Sonnendachziegel schon ausverkauft, was Teslas Ambitionen zeigt, eigentlich lieber die Energiebranche als die Autobranche zu disruptieren.

Ob Teslas strategische Cleverness reicht, um gegen die finanzstärkeren Wettbewerber zu bestehen, ist eine der großen Wetten in der digitalen Welt. Bisher haben Amerikaner und Chinesen alle Plattform-Märkte unter sich aufgeteilt. Es ist ein Spiel, das nach ihren Regeln gespielt wird. Dass die deutschen Anbieter die Regeln der Plattform-Ökonomie inzwischen verstanden haben, zeigt ein aktuelles Whitepaper von Car2Go, der Carsharing-Gesellschaft von Daimler. Daran sind die fünf Bedingungen für den erfolgreichen Betrieb einer autonomen Carsharing-Plattform definiert. Sie lauten: Ein professionelles Flottenmanagement, eine Vorhersage der Nachfrage, Flottenintelligenz, intelligentes Laden der Autos und das beste Kundenerlebnis. Gefragt sind also Kompetenz in der Datenanalyse, viel künstliche Intelligenz und Kundenverständnis – aber eher wenig Hardware. Nicht nur Bob Lutz zweifelt, ob die deutschen Ingenieure das Plattform-Thema so gut beherrschen wie den Bau von Autos. Im deutschen Interesse sollten wir ihm das Gegenteil beweisen.

Zur Person

Der Autor ist gefragter Keynote-Speaker, Digital Economist und Dozent an der TU Darmstadt. Vorher schrieb Holger Schmidt 20 Jahre als Journalist für „FAZ“ und „Focus Magazin“. Sein Blog Netzökonom gehört zu den meistgelesenen Publikationen der digitalen Wirtschaft in Deutschland.

Auch interessant:

Projekt MODULUSHCA

Wie Physical Internet die Logistik revolutioniert

16.08.2017 Der Gütertransport soll mittles Internetplattform, dezentralen Hubs und modularen Behältern effizienter werden.

Weiterlesen
Rail-Studie

Potenzial der Schiene ausschöpfen

08.05.2017 Einer Studie der HSH Nordbank zufolge stecken verborgene Risiken im europäischen Eisenbahnmarkt.

Weiterlesen