SUCHE

Spekulationsobjekt: Kryptowährung Bitcoin (© Getty Images)
Auf einen Espresso mit...
30.11.2017

Der Wert des Bitcoins hat sich seit Jahresbeginn mehr als verzehnfacht, jetzt hat er die 10.000-Dollar-Marke geknackt. „Über die rationalen Gründe für die Kurszuwächse machen sich die meisten Investoren keine Gedanken mehr“, sagt Dr. Cyrus de la Rubia. Der Chefvolkswirt der HSH Nordbank schätzt außerdem ein, ob eine Investition in die Währung lohnenswert ist.

Ein Bitcoin kostet 10.000 Dollar. Der Kurs hat sich seit Jahresbeginn mehr als verzehnfacht. Was sind die Gründe dafür?

Dr. Cyrus de la Rubia: Da sind sich viele Experten offensichtlich nicht einig. Einige Banker bezeichnen Bitcoin als großen Betrug, andere sehen in Bitcoin das künftige Weltwährungssystems. Offensichtlich neigt eine Mehrheit zu der zweiten These, so unwahrscheinlich dies aus heutiger Sicht auch erscheint.

Wer investiert so massiv in Bitcoin und treibt damit den Kurs?

Dr. Cyrus de la Rubia: Man muss sich eines klarmachen: Heute hat Bitcoin eine Marktkapitalisierung von etwa 170 Milliarden US-Dollar. Das ist viel Geld, keine Frage. Aber im Verhältnis zur Marktkapitalisierung des US-Aktienmarktes sind das weniger als 1 Prozent. Mit anderen Worten: Wenn nur einige Portfoliomanager sich entschließen, ihrem Anlagemix etwas Bitcoin beizumischen, hat dies in diesem engen Markt einen durchschlagenden Effekt. Würde das bei einer Aktie passieren, würde das Unternehmen die Gelegenheit nutzen und mehr Aktien emittieren und damit das Angebot dieser Unternehmensanteile erhöhen. Bei Bitcoins geht dies nicht, die Anzahl der im Umlauf befindlichen Bitcoins steigt nur sehr langsam nach einem vorgegebenen Muster.

Bei klassischen Währungen beeinflussen die Wirtschaftskraft des Landes und die Zinspolitik entscheidend die Stärke der Währung. Welche Faktoren spielen beim Bitcoin eine Rolle?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die ersten Bitcoins kamen 2009 in den Umlauf, also auf dem Höhepunkt der Weltfinanzmarktkrise. Das Misstrauen gegen Zentralbanken war groß und hat viele Anleger dazu veranlasst, nach neuen Anlagearten zu suchen. Bitcoin wird von vielen Fans als unverwundbar angesehen, weil es keine zentrale Institution gibt, die für den Werterhalt dieser Währung sorgt, sondern dies durch ein dezentrales Netz von Bitcoin-Nutzern geschieht.

Das klingt etwas abstrakt, geht es genauer?

Dr. Cyrus de la Rubia: Sie müssen sich vorstellen, dass jeder Nutzer von Bitcoin grundsätzlich Einblick in alle Transaktionen der Vergangenheit hat, ohne dass die entsprechenden Konten, über die die Transaktionen abgewickelt wurden, bestimmten Namen zugeordnet werden können. Jede neue Transaktion wird durch diejenigen Nutzer, die Rechnerkapazität zur Verfügung stellen, auf ihre Gültigkeit überprüft. Im Gegenzug erhalten die Nutzer bei erfolgreicher Überprüfung Bitcoins, die in diesem Prozess neu geschaffen wurden. Dieses Anreizsystem stellt sicher, dass jede Transaktion korrekt abgewickelt wird, und sorgt letztlich dafür, dass Investoren dem Bitcoin-System vertrauen.

Auf welche Faktoren sollte man noch achten?

Dr. Cyrus de la Rubia: Grundsätzlich spielt die Regulierung eine wichtige Rolle, zumindest kurzfristig. China hat beispielsweise vor einigen Monaten Bitcoin-Handelsplätze verboten. Zunächst hat dies zu einem Kurseinbruch geführt. Davon hat sich die staatenlose Währung aber rasch erholt. Weiter unternehmen Bitcoin-Entwickler immer wieder Anstrengungen, über Abspaltungen vom Original-Bitcoin alternative Bitcoin-Währungen wie etwa Bitcoin Cash zu schaffen, die wettbewerbsfähiger sein sollen. Es ist unklar, inwieweit diese Abspaltungen zum jüngsten Preisauftrieb beigetragen haben.

Ist der hohe Bitcoin-Kurs Ausdruck einer Spekulationsblase?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die typische Blase unterteilt sich in verschiedene Phasen. Es beginnt damit, dass einige Marktteilnehmer einem Vermögenswert einen höheren Wert beimessen als andere und dieses Asset daher kaufen. Die Erwartungen sind insgesamt relativ heterogen, so dass der Preisauftrieb noch moderat ist. Ich würde sagen, diese Phase dauerte etwa von 2009 bis Ende 2015. Danach setzt eine Art Homogenisierung der Erwartungen ein. In unserem Fall wuchs die Einsicht, dass irgendetwas an dieser merkwürdigen Währung dran sein muss. Diese Phase dauerte etwa bis Ende 2016. Seit Anfang 2017 scheinen wir in der dritten Phase, der Phase der Gier zu sein. Man kauft, weil man sich darüber ärgert, dass man bisherige Kursgewinne verpasst hat und hofft darauf, dass der Zug noch etwas weiterfährt. Über die rationalen Gründe für die Kurszuwächse machen sich die meisten Investoren keine Gedanken mehr.

Wer vor ein oder zwei Jahren Bitcoin gekauft hat, hat enorme Gewinne gemacht. Lohnt sich ein Einstieg noch?

Dr. Cyrus de la Rubia: Den Zeitpunkt, wann eine Preisblase platzt, zu prognostizieren ist etwa so schwer, wie wenn man auf die Sekunde genau bestimmen will, wann der Mais zum Popkorn wird. Vielleicht muss man sogar weitergehen und sich damit abfinden, dass man noch nicht mal weiß, ob die Hitze hoch genug ist, um in absehbarer Zeit den Mais zum Platzen zu bringen. Eines ist aber klar: Als Anleger sollte man nur Spielgeld einsetzen, das Risiko des Totalverlustes ist einfach zu groß.

Lassen sich die Gewinne aus Bitcoins realisieren und in Dollar oder Euro umsetzen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Ja, es gibt verschiedene Börsenplätze, an denen Bitcoin gehandelt werden kann. Die Transaktionskosten sind hoch, weil die Börsen unterschiedliche An- und Verkaufspreise einstellen. Aber wenn man seinen Einsatz verzehnfacht hat, sollte das nicht so stark ins Gewicht fallen.

Auch interessant:

Kryptowährungen

Notenbanken flirten mit digitalem Geld

17.07.2017 Notenbanken experimentieren mit digitalen Geld. Passt die dezentrale Erzeugung zum eigenen Geschäftsmodell?

Weiterlesen
Schuldscheinmarkt

Ein urdeutsches Produkt wird zum Blockchainthema

02.05.2017 Attraktive Zinsen sorgen bei Schuldscheinen für Zulauf.

Weiterlesen