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Manager mit Einfühlungsvermögen
30.10.2017

Autoritäre Führung war einmal, heute brauchen Manager vor allem Einfühlungsvermögen. Wer Emotionen lesen kann und auf diese Weise seinen Mitarbeitern Verständnis signalisiert, spornt sie in der Arbeitswelt an. UP-Nord-Autor Jürgen Bock über Empathie in Unternehmen.

Wenn der Kollege gähnt, müssen wir auch gähnen. Ist unser Partner traurig, leiden wir mit. Geteilte Freude gilt als doppelte Freude. Der Mensch fühlt mit. Er zeigt Empathie. Der Duden definiert den Begriff als „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“.

Diese Bereitschaft und Fähigkeit wird immer wichtiger, gerade in Zeiten des digitalen Wandels, der für Unternehmer zwar große Bedeutung hat, aber von vielen Mitarbeitern als abstrakt, wenn nicht gar bedrohlich wahrgenommen wird.

Auf die agile Führung übertragen bedeutet empathisch zu sein, andere Mitarbeiter dabei zu unterstützen, dass sie erfolgreich werden. Das heißt aber nicht, dass die Führungskraft dem Kollegen vorschreibt, wie er zu sein hat, sondern dass der Chef erkennt, was der Mitarbeiter für Bedürfnisse hat und in welcher Stimmungslage er sich aktuell befindet. Der eine braucht größere Freiräume, der andere mehr Sicherheit. Im Kern geht es also darum, Talent und Haltung zu stärken.

Ein anschauliches Beispiel bietet die Fußball-Bundesliga: Es gibt Trainer, die schreien alle Spieler gleichzeitig an und verkennen dabei, dass es im Team auch den ein oder anderen Sensiblen gibt, der sich nach einer derart lauten Ansprache vielleicht noch weniger zutraut als vorher. Oder der Coach vermeidet ganz das Gespräch mit demjenigen, der in einem Leistungstief steckt. Jupp Heynckes zeichnet aus, dass er Einzelgespräche führt und für jeden Spieler ansprechbar ist; jedenfalls ist es das, was man über ihn liest. Er scheint sehr empathisch zu sein.

Jede Führungskraft sollte sich in die Lage seines Mitarbeiters hineinversetzen können. Wer Gefühle lesen kann, ist klar im Vorteil. Einerseits.

„Manche Chefs unterliegen dem Irrglauben, dass alle Entscheidungen in der Arbeitswelt rational oder kognitiv abgeleitet seien“

Jürgen Bock

Andererseits hat Mitgefühl oft noch einen schlechten Klang. In vielen Unternehmen gelten Menschenkenner als Schwächlinge, Mitgefühl ist dort ein Makel. Manche Chefs unterliegen dem Irrglauben, dass alle Entscheidungen in der Arbeitswelt rational oder kognitiv abgeleitet seien. Ich sage: Viele Dinge sind vom Gefühl beeinflusst, ohne dass wir uns das zugestehen wollen. Die Brüder Heath haben unsere Abhängigkeit von Emotionen in ein treffendes Bild gegossen: Der Verstand ist ein kleiner Reiter, und der sitzt auf einem riesigen Elefanten, der das Gefühl symbolisiert. Die Botschaft ist: Wenn sich der Elefant sträubt, in die gewünschte Richtung zu gehen, kann der Reiter noch so viel schreien, er ändert nichts.

Die gute Nachricht ist: Empathie ist trainierbar, auch harte Hunde können ihr Einfühlungsvermögen schärfen, denn dahinter stecken beispielsweise relativ einfache Fähigkeiten wie Zuhören, Nachfragen und Kritikfähigkeit.

Ich will es klar sagen: Es geht nicht darum, Empathie in einem Seminar zu erlernen, damit man lernt zu deuten, was es heißt, wenn mein Gegenüber die Augenbraue hebt. Nein, am Anfang steht die Entscheidung: Will ich mich mit einem anderen Menschen auseinandersetzen, bin ich empathisch mir selbst gegenüber?

Kollegialität und Empathie im Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter genießen in modernen Unternehmen einen hohen Stellenwert (©GettyImages)

Kollegialität und Empathie im Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter genießen in modernen Unternehmen einen hohen Stellenwert (©GettyImages)

Wer andere verstehen will, muss sich selber kennen, sich selbst bewusstmachen. Mit sich selbst befreundet sein, finde ich eine sehr treffende Formulierung. Was habe ich gern, welche Ängste treiben mich – das alles findet man am besten heraus, indem man markante Lebensstationen reflektiert, in denen es einem besonders gut oder schlecht ging. Wenn ich diesen Prozess durchlaufen habe, kann ich auch die Gefühle anderer Menschen lesen.

Doch wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Heißt konkret: Die Empathie darf nicht Überhand nehmen. Denn aus Mitgefühl kann schnell Mitleid werden, das geht entschieden zu weit. Ich darf mich als Führungskraft natürlich nicht dem anderen unterordnen.

Wie Empathie entsteht habe ich bei einer Tagung mit 13 Führungskräften erlebt, die sich zu Beginn als Konkurrenten ansahen. Jeder war darauf erpicht, dass der Erfolg im Unternehmen ihnen allein zugeschrieben wird. Die Folgen sind bekannt. Man grenzt sich ab, denkt nur an sich und schadet damit dem Unternehmen.

Wir haben uns für zwei Tage und zwei Nächte in einem Outdoor-Camp getroffen, wo es nur um Überleben ging. Schlafen in einer Schilfhütte, Waschen im See, Floßbauen, aus gefällten Bäumen ein Haus für einen Kindergarten zimmern. Auf natürliche Weise wuchs unsere Gemeinschaft zusammen, aus Distanz wurde Nähe. Dann wurde das Erlebte auf die Arbeitswelt übertragen. Jeder stellte sein Projekt vor, an dem er gerade arbeitete und lud die anderen ein, mit ihren Ideen und Gedanken das Konzept noch besser zu machen. So wurde aus den Einzelwerken ein erfolgreiches Gemeinschaftsprojekt. Empathie war das Schmiermittel.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man jeden Menschen in einer bestimmten Situation, in der er seine Rolle in der Arbeitswelt, den Titel und die Seniorität abgibt, dazu bringen kann, Empathie zu entwickeln. Und wenn man erst an dem Menschen interessiert ist, dann hat man ihn schon so gut wie gewonnen.

Zur Person:

Jürgen Bock gilt in Deutschland als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Unternehmenskultur-Entwicklung, was zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen belegen. Er hält Vorträge zu Themen wie Unternehmenskultur, Digital Leadership und Persönlichkeitsentwicklung. Mehr Informationen unter:
http://www.jürgenbock.de

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