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Auf einen Espresso mit...
08.06.2017

Trump sieht sein disruptive Verhalten offenbar als probates Mittel, um seinen Wählern zu gefallen, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

In der westlichen Welt hat sich in den vergangen Jahrzehnten ein sehr diplomatischer Umgang untereinander etabliert. Donald Trump hat den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen jedoch sehr radikal verkündet – ohne Not. Er hätte die Vereinbarungen einfach nicht einhalten müssen. Was steckt hinter seinem Verhalten?
Dr. Cyrus de la Rubia: In erster Linie dürften das innenpolitische Überlegungen gewesen sein. Trump sieht dieses disruptive Verhalten offenbar als probates Mittel, um seinen Wählern zu gefallen. Denen hatte er versprochen, mit der etablierten political correctness zu brechen und Tacheles zu reden – das tut er nun. Er langt robust zu und hofft, seine nationalen Zustimmungsraten zu steigern, die Anfang Juni bei nur 36 Prozent lag – gestartet war Trump mit einer ohnehin niedrigen Zustimmungsrate von 46 Prozent. Das Pariser Klimaschutzabkommen hat sich dabei besonders gut geeignet, weil die USA keine unmittelbaren, unangenehmen Auswirkungen befürchten müssen.

Wie groß ist die Gefahr, dass der amerikanische Präsident Geschmack an radikalen Aktionen findet?
Dr. Cyrus de la Rubia: Diese Gefahr besteht natürlich. Bei Donald Trump hat man den Eindruck, dass er eine gewisse Lust hat, Aufmerksamkeit zu erregen und zu bekommen.

Noch größere Aufmerksamkeit wäre ihm sicher, wenn er bei der Aufkündigung von Außenhandelsabkommen radikal handeln würde?
Dr. Cyrus de la Rubia: Auch wenn es ökonomisch für die USA keinen Sinn macht – diese Möglichkeit besteht. Während des Wahlkampfs hatte er sich sehr klar positioniert: gegen das NAFTA-Abkommen, also das Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada, gegen hohe deutsche Handelsüberschüsse. Passiert ist bislang nicht viel. Das könnte sich ändern. Trump scheint danach zu suchen, wie und wo er seine Macht demonstrieren kann. Allerdings dürfte der innenpolitische Widerstand in den USA gegen die Aufkündigung von Handelsabkommen massiv sein.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Katar-Krise und dem Verhalten von Donald Trump?
Dr. Cyrus de la Rubia: Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass Donald Trump offenbar einen Zusammenhang zwischen seinem Besuch im Mittleren Osten und den Aktionen gegen Katar sieht und die Isolierung Katars in einem Tweet begrüßt – dabei ist Katar ein sehr wichtiger Militärstandort für die USA.

Erleben wir eine Verrohung im Umgang der Staaten miteinander?
Dr. Cyrus de la Rubia: Ich denke schon, dass wir eine gewisse Enttabuisierung im Umgang miteinander erleben, mit dem impliziten Hinweis: Die USA machen das ja auch so. Das Motto lautet: Das ist die einzige Sprache, die der andere versteht. Allerdings könnte sich in Europa ein Gegenpol zu diesem rabiaten Politikverständnis bilden, vor allem jetzt, da die deutsch-französische Achse wieder besser funktioniert.