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Unternehmensführung
23.05.2017

Herausragende Mitarbeiterführung wird noch wichtiger. Denn Geschwindigkeit ist im digitalen Zeitalter, in dem sich Märkte und Geschäftsmodelle so rasant verändern, überlebenswichtig. Prof. Dr. Yasmin Weiß argumentiert, dass erfolgreiche Mitarbeiterführung immer bei der Führungskraft selbst beginnt.

Es gibt keine Branche, die nicht von der digitalen Transformation betroffen ist oder hier ein wachsames Auge haben sollte. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die deutsche Automobilindustrie, die sich mit disruptiven Veränderungen, neuen Geschäftsmodellen und neuen Wettbewerbern auseinandersetzen muss, um weiterhin erfolgreich bleiben zu können. Führungskräfte sind sowohl als Treiber als auch als Enabler gefragt, um für ihr Unternehmen den digitalen Transformationsprozess erfolgreich zu gestalten und erforderliche Veränderungen umzusetzen. Vielen Führungskräften schmeckt diese Entwicklung nicht, sind sie doch vor drei wesentliche Herausforderungen gestellt, die teils massives Umdenken sowie Verhaltensänderungen bei sich selbst erfordern: Erstens kommt Führungskräften im digitalen Zeitalter die Aufgabe zu, mit scharfem Blick, Mut und Entschlossenheit in die oft nebelhafte und volatile Zukunft zu schauen, um dann Chancen und Risiken richtig zu bewerten und die erforderlichen Kurskorrekturen einzuleiten. Hierzu müssen sie zweitens das volle Leistungspotenzial und die Innovationskraft ihrer Belegschaft, der Lieferanten und der Kunden nutzen, indem sie dicht mit dem Ohr an sie heranrücken und hierfür konsequent hierarchische Strukturen und Verhaltensweisen hinterfragen, die einem schnellen und offenen Informationsfluss entgegenstehen. Und drittens sind die Führungskräfte gefragt, alldiejenigen Mitarbeiter, die eine erforderliche Trendwende bislang noch nicht erkannt oder akzeptiert haben, von dem neuen Kurs zu überzeugen, damit sie an der Zielerreichung mitwirken.

Entscheidend ist, wie Führungskräfte selbst über die digitale Wende denken. (© Getty Images)

Digital Leadership: Im ersten Schritt ein Mindset-Thema

Was ist nun neu am Thema „Digital Leadership“? Was sind zusätzliche Anforderungsschwerpunkte an Führungskräfte, um ihre Unternehmen und ihre Mitarbeiter erfolgreich im digitalen Zeitalter führen zu können? Fakt ist: Herausragende Mitarbeiterführung wird noch wichtiger. Denn Geschwindigkeit ist im digitalen Zeitalter, in dem sich Märkte und Geschäftsmodelle so rasant verändern, überlebenswichtig. Technologische Trends, neue Marktchancen und neue Wettbewerber müssen vorausschauend richtig erkannt und Veränderungen rasch umgesetzt werden. Für diese Aufgaben sind Führungskräfte auf die kollektive Intelligenz, das Innovationspotenzial und die kreativen Ideen sowie die Motivation ihrer Mitarbeiter angewiesen. Was tut sich am Markt? Wie ändern sich Kundenbedürfnisse? Welche neuen Geschäftsmodelle sind denkbar? Wie lassen sich Prozesse effektiver und effizienter gestalten? Mitarbeiter haben sehr oft wertvolle Vorschläge und Ideen. Doch Kreativität und Innovationskraft der Belegschaft können nicht per herkömmlichen Arbeitsvertrag top-down verordnet werden. Vielmehr kommen hier der informelle psychologische Arbeitsvertrag zwischen Mitarbeitern und Führungskräften und die gelebte Unternehmenskultur zum Tragen. Nur wenn Mitarbeiter gerne die viel beschworene „Extrameile“ leisten, weil sie sich mit ihren Führungskräften identifizieren, von ihnen inspiriert werden und Handlungs- und Entscheidungsfreiräume eingeräumt bekommen, die ihrem Potenzial entsprechen, dann erst erfüllen sie genau diese Komponenten ihres psychologischen Arbeitsvertrags. Führt hingegen eine Führungskraft streng hierarchisch, schottet sich ab, überhört die Meinungen ihrer Mitarbeiter und trifft Entscheidungen auch für komplexe Probleme nahezu im Alleingang, dann steigt das Risiko für Fehleinschätzungen signifikant. Gleichzeitig sinkt die Motivation einer qualifizierten Belegschaft.

Wer Technologie und Software nicht versteht, versteht bald die Welt und damit erfolgreiche Geschäftsmodelle nicht mehr.

Prof. Dr. Yasmin Weiß

Diese Kombination kann schlussendlich zum sukzessiven Niedergang von bislang erfolgreichen Unternehmen führen. Das Unternehmen Schlecker ist hierfür ein prominentes Beispiel. Damit wird deutlich, dass Digital Leadership nicht nur ein Kompetenz-, sondern im ersten Schritt ein Mindsetthema der Führungskräfte ist. Erfolgreiche Führung beginnt immer zunächst bei sich selbst. Denn die Art und Weise, wie Führungskräfte selbst über die digitale Transformation denken, wie offen sie sind, sich neuen Anforderungen zu stellen sowie ihre bisherigen Denk- und Verhaltensweisen zu hinterfragen, entscheidet ganz maßgeblich darüber, ob sie als Digital Leader und damit als erfolgreiche Führungskraft in der digitalen Ära agieren können. Und unternehmensintern und -extern als solche wahrgenommen werden. Ohne persönliche Offenheit, Neugierde, Unvoreingenommenheit und eine Portion Mut geht es dabei nicht.

Wer Lernen nicht ernst nimmt, wird zum Dinosaurier

Wer Technologie und Software nicht versteht, versteht bald die Welt und damit erfolgreiche Geschäftsmodelle nicht mehr. Dies gilt insbesondere für Führungskräfte. Für sie geht es selbstverständlich nicht darum, selbst zum besten Programmierer oder Technologieexperten im Unternehmen mit tiefgehendem Spezialwissen zu werden. Aber es geht darum, die grundsätzliche DNA sowie die Möglichkeiten einer digital vernetzten Welt zu verstehen. Führungskräfte müssen hier am Ball bleiben und bereit sein, sich aufschlauen zu lassen und sich trotz eines vollen Terminkalenders bewusst Zeit für diesen Lernprozess zu nehmen. Warum ist das so wichtig? Erstens, weil Führungskräfte ansonsten dem Risiko ausgesetzt sind, zu manipulierbaren und abhängigen Digital-Analphabeten zu werden. Zweitens weil ein gewisses digitales Grundwissen die Voraussetzung für die persönliche Vorstellkraft des gegenwärtig und zukünftig Machbaren ist, für das sich Führungskräfte verantwortlich zeichnen. Drittens weil Führungskräfte die grundsätzliche Machtverschiebung vom materiellem zum immateriellen Geschäft mit Daten und Software verstehen müssen, denn gerade dort wird in Zukunft die Kontrolle liegen und darüber hinaus das meiste Geld verdient. Und viertens wird die digitale Positionierung eines Unternehmens, also das, was der Markt einem Unternehmen an Schlagkraft im digitalen Zeitalter zutraut, ganz massiv durch die öffentliche Wahrnehmung der Führungskräfte bestimmt. Führungskräfte können über die gestiegene Bedeutung von Technologie die Achseln zucken und Abwarten und Tee trinken. Oder sie können die Ärmel hochkrempeln und die Herausforderung annehmen. Achselzucken und Abwarten – sowohl was den eigenen Kompetenzerwerb als auch das Treiben von Veränderungen betrifft – führt zu selbst verschuldeter digitaler Unmündigkeit und dem Risiko, die Grundlage für sein bisheriges Geschäftsmodell zu verspielen.

Den inneren Schweinehund überwinden

Für uns alle gilt: Was wir während unserer Ausbildung oder unseres Studiums an Wissen erworben haben, wird uns nicht wohlbehalten bis zur Rente führen. Das Lernen hört nie auf. Lebenslanges Lernen ist dabei keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Haltung. Der bisherige Erfolg kann nur allzu leicht dazu verleiten, sich darauf zu verlassen, was in der Vergangenheit zum Erfolg geführt hat. Wenn wir wüssten, dass die Zukunft genauso aussehen wird wie die Vergangenheit, wäre dies die richtige Strategie. Aber die Zukunft in der digitalen Ära entwickelt sich nun mal drastisch anders als die Gegenwart und damit ist eine solche Vorgehensweise für den persönlichen und unternehmerischen Erfolg verheerend. Führungskräfte müssen also ihren inneren Schweinehund überwinden, der sich gegen Neues wehrt. Sie müssen permanent nach geeigneten und für sie persönlich passenden Möglichkeiten zur Weiterentwicklung Ausschau halten, sich zum Erwerb auch völlig neuer Fähigkeiten zwingen und dabei Menschen zuhören, die vielleicht hierarchisch weit unter ihnen stehen. Ein Ansatz hierfür ist beispielsweise das „Reverse Coaching“ von Führungskräften durch Digital Natives. Dies können ausgewählte junge ITler, Seiteneinsteiger aus Start-Ups oder IT- und Social Media-affine junge Mitarbeiter sein, die ihr Wissen an ihre Führungskräfte weitergeben und hierzu individuell coachen. Denn wenn Führungskräfte der Meinung sind, nur von Menschen lernen zu können, die mindestens auf dem gleichen Hierarchielevel sind wie sie selbst, werden ihre Lernmöglichkeiten mit fortschreitender Karriere äußerst limitiert sein. Das erfordert die Abkehr von einem autoritären Hierarchieverständnis und setzt persönliche Experimentierfreude sowie die Bereitschaft, in bestimmten Bereichen wieder Anfänger zu sein, voraus. Für die meisten Führungskräfte eine eher unerfreuliche Vorstellung. Doch Anfängern gehört die Zukunft, während Dinosaurier bekanntlich Vergangenheit sind.

Der Digital Leader als „Dienstleister“

Um ein erfolgreicher Digital Leader zu sein, ist nicht nur eine ausgeprägte Lernbereitschaft, sondern eine gewisse Bescheidenheit und damit ein Hinterfragen des persönlichen Selbstverständnisses als Führungskraft gefragt. Man könnte auch vom Ende der unnötigen Eitelkeiten der Führungsetagen sprechen. Denn die Zeiten des allwissenden Überchefs, der als oberster Kapitän die Marschrichtung vorgibt und hierfür bestenfalls seine erste Reihe an Offizieren in die Entscheidungen miteinbezieht, sind vorbei. Gefragt sind zuhörende, nahbare und mitanpackende Führungskräfte, die ihre Arbeit als Dienstleistung am Unternehmen und an ihren Teams verstehen. Dazu zählt, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Individuen und deren Ideen zu vernetzen, den Informationsfluss zu optimieren, diverse Meinungen einzuholen und zu einem stimmigen Ergebnis zu konzertieren. Damit ist von „dienstleistender“ Führung“ die Rede. Auch hier ist vielerorts noch Lernbereitschaft in Hinblick auf das persönliche Selbstverständnis gefragt. Wenn Führungskräfte sich ganz bewusst und selbstkritisch damit auseinandersetzen, wie sie zu erfolgreichen Digital Leadern werden und die richtigen Maßnahmen und Lernprozesse hierfür ergreifen, dann leisten sie einen erheblichen Beitrag, nicht nur für ihre eigene Zukunft, sondern auch für die Zukunft ihres Unternehmens und damit für die Zukunft für andere. Kann es eine bedeutsamere und sinnstiftendere Dienstleistung als die Sicherung der Zukunft geben? Wohl kaum. Die Investition in Digital Leadership lohnt sich also.

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