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Wochenkommentar
08.09.2017

„Die deutsche Automobilwirtschaft steht vor einer historischen Aufgabe“, so Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

„Wir wollen nicht im Technikmuseum enden.“ Dieser Satz der Bundeskanzlerin Angela Merkel war unter anderem auf die deutsche Autoindustrie gemünzt. Zurecht. Denn trotz eines Anteils am globalen Automobilmarkt von satten 30 Prozent droht ein disruptiver Strukturwandel. Stichworte sind hier E-Mobilität, Carsharing und autonomes Fahren.

Auch wenn im vergangenen Jahr lediglich 1 Prozent der weltweit verkauften Autos einen E-Antrieb hatten, gehen die meisten Prognosen - bei aller Vorsicht in Bezug auf Prognosen - von einem rasanten Wachstum der strombetriebenen Autos aus. Bis zum Jahr 2040 sollen global bis zu 500 Millionen Fahrzeuge einen E-Antrieb haben (heutiger Bestand: 1,3 Milliarden). Wo ist das Problem, mögen sie fragen. Wenn die deutsche Industrie auf E-Mobilität umstellt, können die Arbeitsplätze doch erhalten werden. Diese Zuversicht ist leichtfertig. Das Kernstück von E-Motoren ist die Lithium-Ionen-Batterie. Mit Abstand führend in der Batterietechnik sind Japan, China und Südkorea. Das heißt: Ohne eine enorme Kraftanstrengung der deutschen Produzenten dürfte ein großer Teil der Wertschöpfung nach Asien beziehungsweise nach Amerika verlagert, wo Tesla in Kooperation mit Panasonic eine Giga-Batteriefabrik gebaut hat.

Apropos Tesla: Das Unternehmen aus Kalifornien hat im vergangenen Monat mit der Produktion des Modells Tesla 3 begonnen und strebt an, bis zum Ende des kommenden Jahres die Vorbestellungen von rund 500.000 Einheiten abgearbeitet zu haben. Haben wir es hier mit dem iPhone der Autoindustrie zu tun, inklusive aller Folgen für den Wirtschaftssektor? Diejenigen, die eine Probefahrt mit einem Tesla unternommen haben, sagen mit dem Brustton der Überzeugung: Ja. Ingenieure sind da skeptischer, zumal hinsichtlich eines ausreichenden Netzes von Ladestationen noch viel zu tun ist, die Reichweitenproblematik nicht gelöst ist und die Frage gestellt werden muss, ob der für die Batterie-Produktion notwendige Rohstoff Kobalt ausreichend vorhanden ist.

Die für die deutsche Automobilwirtschaft größte Herausforderung kommt möglicherweise von Google und Co., die mit mehreren Pilotprojekten dabei sind das autonome Fahren zu perfektionieren. Ein autonom fahrendes Auto ist im Grunde genommen ein individualisiertes öffentliches Verkehrsmittel. Es bietet einen unvorstellbaren Zeitgewinn. Selbständige und Manager, aber auch viele Mütter und Väter, die ihre Kinder den ganzen Tag herumkutschieren, träumen vermutlich von einem derartigen Auto. Den Menschen wird es in Zukunft darauf ankommen, die Zeit, die sie im Auto verbringen, sinnvoll zu nutzen. Die Internetriesen aus den USA, die mit ihren Kommunikations- und Informationsplattformen omnipräsent sind, scheinen ideal dafür aufgestellt zu sein, genau diese Bedürfnisse zu befriedigen. Traditionelle Automobilunternehmen, die diesen Trend verschlafen, könnten rasch zu Zulieferern der neuen Automobilhersteller werden.

Die deutsche Automobilwirtschaft steht vor einer historischen Aufgabe. Der öffentliche Sektor kann dabei nicht tatenlos zuschauen. Es geht um den Übergang in ein neues Zeitalter und allein in der Automobilbranche stehen 1,5 Millionen Arbeitsplätzen auf dem Spiel. Insbesondere bei dem raschen Aufbau eines Netzes von Ladestationen und steuerpolitischen Anreizen zum Kauf von alternativ betriebenen Autos besteht Handlungsbedarf. Ansonsten müssten viele Angestellte in der Automobilindustrie umschulen – zu Museumswärtern.