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Wochenkommentar
10.03.2017

Chinas Führung muss sich den makroökonomischen Realitäten stellen. Neue Wachstumsimpulse können fundamentale Reformen und eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft bewirken, meint Marius Schad, Analyst bei der HSH Nordbank.

Beim jährlich stattfindenden Volkskongress gewinnt man als Außenstehender nur bedingt den Eindruck, dass sich die chinesische Regierung den ökonomischen Herausforderungen stellt. Zwar hat Präsident Xi das Wachstumsziel von 6,5 bis 7,0 % auf 6,5 % gesenkt und den Kapazitätsabbau in der Schwerindustrie versprochen. Vor allzu radikalen Maßnahmen schreckt man jedoch offensichtlich zurück. Ein Zeichen der Schwäche? Wahrscheinlich nicht, sondern eher eine Frage des Timings. Im Herbst findet der politisch wesentlich wichtigere Nationalkongress der Kommunistischen Partei statt. Bis dahin will man keine Experimente wagen, die die gelungene Stabilisierung des Wachstums gefährden.

Kein Zweifel, die Herausforderungen sind überwältigend. Viel zu lange hat sich Chinas Wachstum auf den Export von arbeitsintensiven Konsumgütern sowie inländische Investitionen gestützt. Die Wachstumsgeschwindigkeit Chinas, welche innerhalb des Riesenreichs als Gradmesser des Erfolgs der Regierung fungiert, wird nach hohen zweistelligen Wachstumsraten in der Vergangenheit künftig ein bescheideneres Niveau einnehmen. Dürfte gerade europäischen Politikern bei solchen Wachstumszahlen schwindelig werden, wachsen in Peking Zweifel, ob mit den bislang angewandten Politikinstrumenten der chinesische Wachstumskurs fortgesetzt werden kann. Die Wirtschaft stützt sich weiterhin auf die großzügige Neukreditvergabe der staatseigenen Banken, welche im Januar 2017 mit 275 Mrd. US-Dollar ungewöhnlich hoch ausfiel. Insgesamt liegt die Quote der privaten und öffentlichen Schulden bei atemberaubenden 258 % des BIP. Die Schuldenquote im Industrie- und Stahlsektor ist von 60 % in 2010 auf gegenwärtig bedrohliche 80 % angewachsen. Die meist staatseigenen Betriebe erhalten trotz der Überkapazitäten und einer kontinuierlich verschlechternden Ertragslage fortlaufend neue Kredite und verlangsamen einen notwendigen Konsolidierungsprozess. Dadurch wird die Etablierung von nachhaltigen sowie konsum- und dienstleistungsbasierten Wirtschaftsstrukturen verzögert. Bleibt dieser Übergang weiter aus, müssen die zukünftigen Wachstumsziele deutlich nach unten angepasst werden.

Die Entwicklung von einer industriedominierten zu einer stärker dienstleistungsorientierten Wirtschaft ist ein Schritt, dem sich Schwellenländer nach der Phase außergewöhnlichen Wachstums aussetzen müssen. Wird diese Entwicklung zu lange aufgeschoben, könnte nicht nur ein sich allmählich verlangsamendes Wachstum, sondern sogar Stagnation drohen. Die schmerzhaften Erfahrungen gegenwärtiger Schwellenländer wie Brasilien und Südafrika zeigen deutlich, dass ohne eine diversifizierte Wirtschaft keine neuen Wachstumsimpulse gesetzt werden können. Erste Schritte muss die Xi-Li-Administration spätestens beim Volkskongress im Herbst verkünden. Die Spielräume für Reformen sind groß: Chinas Währungsreserven von rund 3000 Mrd. USD können zur Konsolidierung der staatseigenen Unternehmen verwendet werden. Erfährt gleichzeitig auch der Dienstleistungssektor eine notwendige Deregulierung, kann eine langfristige Stabilisierung der Produktion erfolgen und sich ein diversifizierterer Industriestandort herausbilden. So könnte das chinesische Wachstumsmärchen in seine Verlängerung gehen. Dies ist auch für die Weltkonjunktur von großem Interesse. Denn eine stabil wachsende chinesische Mittelschicht würde dann auch in Zukunft für eine stabile Nachfrage nach Produkten aus den Häusern Apple, BMW oder Panasonic sorgen.