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Wochenkommentar
03.02.2017

"Das Inflationsziel ist keineswegs dauerhaft erreicht. Ein überstürzter Kurswechsel der EZB wäre eher schädlich", sagt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Hurra, die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Inflationsziel erreicht. Also kann die EZB jetzt unverzüglich beginnen, die Zinsen wieder anzuheben und aus dem Programm der Anleiheankäufe auszusteigen. Oder vielleicht doch nicht?

Die Fakten sind klar: Die Teuerungsrate lag im Januar bei 1,8 % und entsprach damit dem offiziellen Ziel von "nahe, aber unterhalb von 2 %". So weit, so gut. Ein Blick auf die Kernrate der Inflation, die die Preisentwicklung von Energie und Lebensmitteln ausschließt und bei 0,9 % verharrte, zeigt jedoch, woher der Anstieg des Inflationsindex gekommen ist: von den Ölpreisen. So lagen diese im Januar etwa 80 % über dem Niveau des Vorjahres. Das schlägt natürlich auf die Inflationsrate durch, u. a. aufgrund der höheren Treibstoff- und Heizölpreise.

Geht man davon aus, dass die Ölpreise über den restlichen Jahresverlauf einen Seitwärtstrend einschlagen (Ölpreisprognose finden Sie hier), dann wird der Preis für das schwarze Gold im zweiten Halbjahr nur noch etwa 15 % über dem Vorjahr liegen und sich damit lediglich geringfügig im Gesamtpreisindex bemerkbar machen. Entsprechend wird die Inflation am Ende diesen Jahres wieder deutlich unter die 2-Prozent-Marke fallen. Das Inflationsziel ist also keineswegs dauerhaft erreicht.

Vor diesem Hintergrund wäre es eher schädlich, jetzt einen überstürzten Kurswechsel einzuleiten und – wie von einigen Marktbeobachtern gefordert – bereits in diesem Jahr mit dem Tapering zu beginnen und am besten auch noch den Leitzins anzuheben. Dies gilt auch vor dem Hintergrund eines politisch fragilen Umfelds, das sich mit den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich in schweren Turbulenzen äußern kann. Eine unerwartete Straffung der Geldpolitik würde die Gefahr von Kursstürzen an den Börsen nur noch erhöhen. Da ist es gut, wenn die EZB Ruhe ausstrahlt und Hektik vermeidet.

Das heißt nicht, dass die Geldpolitik der europäischen Notenbank in den vergangenen Jahren vorbildlich war, ganz im Gegenteil. Aber die zahlreichen Kinder – das Trockenlegen der meisten Anleihemärkte über massive Ankaufprogramme, die Besteuerung des Bankensektors durch negative Einlagenzinsen, die Verzerrung der Kapitalallokation, etc. – sind bereits in den Brunnen gefallen. Mit diesen Fehlern muss man jetzt leben und einen vorsichtigen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik vorbereiten. Dieser sollte im Jahr 2018 mit einem Tapering starten und im Laufe des Jahres 2018 wären auch erste Zinserhöhungen zu begrüßen, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen dies erlauben. Danach sieht es durchaus aus, denn die Outputlücke (die Differenz zwischen dem potenziellem BIP und dem tatsächlichen BIP) ist in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden, sodass es allmählich auch zu einem nachhaltigen Inflationsanstieg kommen sollte.

Reißt man jetzt jedoch das Ruder entgegen den bisherigen Ankündigungen herum, würden der Euro stark aufgewertet, die Zinsen auch am langen Ende kräftig steigen und der Aufschwung in der Eurozone gefährdet werden. Die Anleger, die sich über den Notstand bei der Suche nach Rendite beklagen, sollten lieber noch etwas Geduld haben anstatt auf Zinserhöhungen zu drängen. Denn würde die EZB diesem Druck nachgeben und die Leitzinsen anheben, wäre das Ergebnis vermutlich nur ein kurzes Hurra, dem ein neuer langer Kater folgt.