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Wochenkommentar
13.01.2017

"Das erwartete Herrschaftssystem Donald Trumps erinnert an den machiavellistischen Ratschlag 'teile und herrsche'", sagt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Stellen Sie sich vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt in einer Talkshow, das Automobilunternehmen General Motors solle ja nicht auf die Idee kommen, in Polen ein Werk zu eröffnen, das habe gefälligst in Deutschland zu geschehen. Absurde Vorstellung? Genau das hat der designierte Präsident Donald Trump gemacht, als er via Nachrichtendienst Twitter das japanische Unternehmen Toyota davor warnte, in Mexiko eine Produktionsstätte zu eröffnen. Autos, die von dort in die USA verkauft würden, würden mit einer hohen "border tax" belegt werden.

Diese kleine Episode zeigt, in welche Richtung es wirtschaftspolitisch in den USA gehen könnte: Auf der Unternehmensebene Einfluss nehmen, um dann Ankündigungen wie etwa die von Autohersteller Ford, in den USA statt in Mexiko zu investieren, als Erfolg zu feiern. Aus Marketinggesichtspunkten eine perfekte Strategie, denn Trump schafft dadurch einen Anreiz, dass Firmen ihre Geschäftspolitik so kommunizieren, als sei sie von ihm beeinflusst, selbst wenn dies nicht der Fall ist.

Überhaupt ist diese Art der unberechenbaren Twitter-Wirtschaftspolitik, die bei der ersten Pressekonferenz von Trump mit Lob und Tadel für bestimmte Marktakteure noch unterstrichen wurde, ein Garant für Machtzuwachs für den Präsidenten. Jedes Unternehmen wird sich um die Gunst des Staatschefs bemühen. In diesem Sinne erinnert das zu erwartende Herrschaftssystem an den machiavellistischen Ratschlag "teile und herrsche". Südamerikanische Präsidenten wie Hugo Chávez aus Venezuela und Cristina Kirchner aus Argentinien haben dieses System in der Vergangenheit perfektioniert.

Dieser machiavellistische Ansatz könnte noch ergänzt werden durch eine allgemeine protektionistische Linie, etwa wenn es darum geht, Importe aus China und Mexiko zu erschweren. Letzteres impliziert möglicherweise das Infragestellen des seit 1994 bestehenden Freihandelsabkommens Nafta mit Mexiko und Kanada, während Trump dem Land der Mitte bereits mit Zollsätzen von bis zu 45 % gedroht hat. Die Personalentscheidungen Trumps – allen voran die Ernennung von "Death of China"-Autor Peter Navarro zum Chef des Nationalen Rates für Außenhandel – geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass man auf eine pragmatische und wirtschaftsfreundliche Politik umschwenken werde.

Sollte Trump tatsächlich in diese Richtung marschieren, dann dürfte dies auch ein Beleg dafür sein, dass er von den Erfolgsbedingungen von Unternehmen in einer globalisierten Welt wenig versteht – was vielleicht daran liegt, dass die Trumpsche Immobilien- und Bauwirtschaft gänzlich anders und wesentlich lokaler funktioniert. Unternehmen wie Apple, Fiat-Chrysler oder Boeing sind umso wettbewerbsfähiger, je besser sie ihre globalen Wertschöpfungsketten optimieren. Wenn eine Regierung Trump in diese über Jahrzehnte aufgebauten Wertschöpfungsketten willkürlich eingreift, dann erreicht er nicht eine Reindustrialisierung Amerikas, sondern eine beschleunigte Deindustrialisierung.

Gibt es also gar keine Hoffnung auf eine vernünftige Wirtschaftspolitik? Doch. In der republikanischen Partei wird es nur eine eingeschränkte Bereitschaft geben, eine Wirtschaftspolitik nach Gutsherrenart auf Dauer mitzutragen. Ein allzu rabiates Vorgehen in der Handelspolitik könnte zudem die Mehrheit im Kongress gefährden – in zwei Jahren sind Zwischenwahlen. Mittel- bis langfristig rechnen wir daher mit einer Rückkehr zur Vernunft. Dennoch: Zunächst muss sich die Welt auf mehr Protektionismus, Willkür und einige Absurditäten einstellen.

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