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Wochenkommentar
16.12.2016

Mit der Anhebung des Leitzinses leitet die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, einen Balance-Akt ein, der von dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump torpediert werden könnte, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Ein vollkommen überfüllter Ballsaal, die Stimmung ist ausgezeichnet. Da bekommt der Veranstalter die Meldung, dass innerhalb der nächsten Stunde der Strom abgeschaltet wird. Er müsste eigentlich die Lautsprecher abstellen und die Gäste nach Hause schicken. Das könnte jedoch Panik auslösen, denn der Saal hat nur einen Ausgang. Der Veranstalter muss also stattdessen die Musik allmählich leiser drehen, damit die die Gäste nach und nach die Party verlassen, hoffend, dass der Strom noch eine Weile funktioniert.

Das ist in etwa die Herausforderung vor der Janet Yellen steht. Bislang gelingt ihr das recht gut. Die Zinsanhebung vom 14. Dezember war sorgfältig vorbereitet. Die langfristigen Renditen sind in den vergangenen Wochen zwar deutlich gestiegen, aber es verläuft alles in geordneten Bahnen. Mit dem Signal, dass die Fed im Jahr 2017 drei statt zwei Zinsschritte für angemessen hält, hat Frau Yellen jedoch etwas stärker auf das Tempo gedrückt.

Kritisch kann es vor allem an zwei Fronten werden: In Erwartung steigender Zinsen und fallender Renditekurse könnten institutionelle Investoren ihre Bestände an Rentenpapieren in einem größeren Maßstab reduzieren und für eine Beschleunigung des Ausverkaufs an den Bondmärkten sorgen. Es wäre nicht das erste Mal: 1994 sind die langfristigen Renditen innerhalb von 12 Monaten weltweit um 200 bis 300 Basispunkte gestiegen. Anlass dafür war die US-Notenbank, die ihren Leitzins in mehreren Schritten nach oben schleuste. Die US-Wirtschaft hat die damalige Zinswende ohne größeren Schaden überstanden, was unter anderem dem Internetboom zu verdanken war. Die jüngsten Konjunkturdaten dokumentieren eine relativ breit abgestützte Erholung, sodass eine gewisse Widerstandsfähigkeit unterstellt werden kann.

Die zweite Front ist der US-Dollar. In Erwartung eines baldigen Zinsschrittes, die durch den Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen überraschenderweise verstärkt wurde, hat der US-Dollar bereits in den vergangenen Wochen zugelegt. Für die US-Unternehmen, die ihre Gewinne zu einem großen Teil im Ausland erwirtschaften, ist dies gleichbedeutend mit sinkenden Gewinnen und rückläufiger Wettbewerbsfähigkeit.

Solange die Anstiege bei den Renditen und dem Dollar überschaubar bleiben (zehnjährige Renditen per Jahresende 2017 nicht wesentlich über 3 %, Euro-US-Dollar in der Nähe der Parität), dürfte es an den Finanzmärkten weiterhin relativ ruhig bleiben. Das Problem: Frau Yellen ist nicht die einzige, die diesen Prozess beeinflusst. Wenn der neue Präsident Donald Trump die nahezu vollausgelastete US-Wirtschaft mit einem Nachfrageschock konfrontiert, ausgelöst durch massive Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben, dürfte eine höhere Inflation die Folge sein und den Anleihe-Bärenmarkt tiefer in den roten Bereich führen. Das könnte durchaus die Wirtschaft in einen Abschwung führen, angefangen mit dem zinssensitiven Immobilienmarkt und dem Automobilsektor, wo Ratenkäufe üblich sind. Sollte Trump eine protektionistische Welle lostreten, könnte es zu einer Stagflation (höhere Inflation bei gleichzeitiger Wachstumsabschwächung) kommen. Auch ein unerwartet starker Anstieg der Ölpreise würde zu höheren Inflationserwartungen führen und es erschweren, den Renditeanstieg noch zu kontrollieren.

Frau Yellen hat begonnen die Musik leiser zu drehen. Die ersten Partymuffel haben bereits den Tanzsaal verlassen, während andere Investoren darauf setzen, dass Trump die Lautsprecher noch richtig aufdreht, ohne dass die Sicherung durchbrennt. Eines steht fest: Die Fed-Präsidentin steht vor dem schwierigsten Jahr ihrer Notenbanktätigkeit.