SUCHE

Wochenkommentar
02.09.2016

Zentralbanken sollen aufhören zu suggerieren, dass sich alle Probleme mit der Manipulation des Zinses lösen lassen, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel. So ähnlich ist es mit den Notenbankern, die sich am vergangenen Wochenende im amerikanischen Jackson Hole getroffen haben. Deflationsgefahr? Zinsen senken. Keine Investitionen? Mehr Staatsanleihen kaufen, damit die Zinsen noch weiter sinken. Und dann gibt es da noch den Vorschlag des Wirtschaftswissenschaftlers Kenneth Rogoff, der sich für die Abschaffung des Bargeldes ausspricht, um - sie werden es erraten - die Zinsen notfalls auch tief in den negativen Bereich zu schleusen. Die Existenz von Bargeld erlaubt dies nicht, weil dann die Menschen die 100 Dollarnoten im Tresor oder unter der Matratze aufbewahren.

Die Idee, die Geldpolitik könne alles richten, ist geprägt von der Denkrichtung der Neoklassik. Das ist insofern bemerkenswert, weil die neoklassische Theorie gänzlich ohne Geld auskommt. Die Grundidee ist einfach, um nicht zu sagen zu einfach: Es gibt immer einen Zins, der den Markt räumt. Wenn es mehr Kapitalnachfrage als Ersparnis gibt, dann wird der Zins steigen, bis die höhere Ersparnis und die niedrigere Kapitalnachfrage sich gleichen und alle glücklich sind. Derzeit sind wir - so wird vermutet - in einer Situation, in der die Menschen zu viel sparen und die Unternehmen zu wenig investieren. Die Lösung ist klar: Zinsen runter. Dann steigen garantiert die Investitionen, es sei denn, sie tun es doch nicht. Aber auch darauf gibt es eine Antwort: Die Zinsen müssen eben noch tiefer sinken, es war noch nicht genug. Denn das schöne neoklassische Kapitalmodell ist eindeutig: es gibt immer einen Zins, der zu einem Anstieg der Investitionsgüternachfrage führt. Natürlich könnte der auch bei -5% liegen.

Jetzt könnte man ja vorsichtig einwenden, dass doch noch viele andere Faktoren die Investitionstätigkeit beeinflussen. Fachkräftemangel, schlechte Infrastruktur, politische Unsicherheit, Korruption, Mafia, usw. Auch darauf bekommt man eine Antwort: Sicher gibt es andere Faktoren, aber das heißt ja nur, dass in einem Land mit Korruption und anderen Investitionshindernissen der Zins eben noch niedriger sein muss.

Nun sollte man fair bleiben. In Jackson Hole wurde auch diskutiert, ob das Instrument des Zinses denn tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sei, um der Krise Herr zu werden. Die Geldpolitik sei vielleicht doch überfordert. Enttäuschenderweise wurde vor allem ein Vorschlag diskutiert, dessen Originalität viel zu wünschen übrig lässt: die Fiskalpolitik zur kurzfristigen Stimulierung der Konjunktur müsse stärker eingebunden werden. Dass der Staat mit Ausgabenprogrammen in Japan nicht viel mehr als einen Schuldenberg in der doppelten Höhe der italienischen Darlehenslast hinterlassen hat, ficht die Befürworter einer derartigen Politik nicht an.

Gibt es also gar keine Möglichkeit, das schlappe Wachstum in den USA und der Eurozone zu beleben? Doch, aber der Weg ist mühsam und erfordert große politische Willenskraft. Fed-Mitglied John Williams hat ihn (zusammen mit anderen Vorschlägen) im Vorfeld von Jackson Hole platziert: Bildung, Infrastruktur und Forschung sind die drei Stichworte. Investitionen in diese Bereiche haben weiterhin eine hohe Rendite und erhöhen die Produktivität einer Volkswirtschaft nachhaltig. Robusteres Wachstum und höhere Inflation sind die Folge, ganz ohne den Einsatz eines Hammers.