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Wochenkommentar
09.09.2016

Die Angst vor den Auswirkungen des Brexit-Votums ist verflogen. Doch für Euphorie ist es noch zu früh, meint Patrick Harms, Analyst der HSH Nordbank

Die große Angst, die das Ergebnis des britischen EU-Referendums im Sommer ausgelöst hat, ist verflogen. Zwar hat das britische Pfund sich von seinem 10 Prozent-Absturz nicht erholt, aber gerade diese Schwäche der britischen Währung hat entscheidend dazu beigetragen, die Konjunktur zu stabilisieren. Dazu kam eine unaufgeregte Reaktion von Seiten der Politik. Im Ergebnis ist der PMI-Einkaufmanagerindex im August um fast 6 Punkte nach oben gesprungen und liegt damit sogar höher als vor dem Votum. Der britische Aktienindex FTSE 100 notiert etwa 8% über dem Niveau vor der Abstimmung. Also zurücklehnen, Brexit-Schock ist abgesagt. Nicht so eilig, am Ende kommt es auf die Investitionen an. Die Gefahr ist also noch nicht gebannt!

Natürlich stützt das schwache Pfund den britischen Export und macht Großbritannien für Urlauber attraktiver. Dadurch – und mit Hilfe einer freundlichen Sommerbrise - stiegen die stark vom Tourismus getriebenen Einzelhandelsumsätze überraschend kräftig an. Auch die Exporte industrieller Güter dürften vom schwachen Pfund profitiert haben. Dass Großbritannien bislang nicht in eine Währungskrise gestürzt ist, liegt vor allem an der ruhigen und zielstrebigen Antwort der Wirtschaftspolitik. Die Bank of England hat schon an Tag 1 nach dem Referendum eine großzügige Bereitstellung von Notkrediten in verschiedenen Währungen zugesagt und die neue Premierministerin Theresa May verkörpert Ruhe und Gelassenheit. Die noch vom damaligen Finanzminister George Osborne angekündigten Sparmaßnahmen wurden ebenfalls abgesagt. Gleichzeitig zeigt man sich auch von EU-Seite deutlich versöhnlicher als unmittelbar nach der Abstimmung. Das zurückgewonnene Vertrauen erlaubte der Bank of England sogar expansive Maßnahmen einzuleiten, die die britische Wirtschaft zusätzlich stützen. Vor allem aber ist Großbritannien eine große Volkswirtschaft mit einer seit etwa zwanzig Jahren glaubwürdigen Zentralbank und einer stabilen Währung. Solche Bedingungen kann kein anderes Land der europäischen Union außerhalb der Eurozone vorweisen.

Was aber ist mit den Investitionen? Sind die Unternehmen tatsächlich bereit, trotz der Unsicherheit über das Ergebnis der Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien auf ein „weiter so“ zu setzen? Die Daten aus dem verarbeitenden Gewerbe, dessen Produktion mit der Investitionsbereitschaft stark korreliert und im Juli um fast 1% zurückgegangen ist, sprechen dagegen. Ausländische Unternehmen wie etwa der Automobilhersteller Nissan drohten jüngst mit Investitionskürzungen in Großbritannien. Noch stärker könnte es den heiß gelaufenen Bausektor treffen. Hier ist die Abwertung des Pfunds symptomatisch für das wohl größte Problem Großbritanniens: Mit Geldern aus dem Ausland wurde in den letzten Jahren ein Immobilienboom in Gang gesetzt, der nun sein Ende gefunden haben könnte. Anzeichen dafür gibt es einige: Seit dem Austrittsvotum sind die Immobilienpreise rückläufig, der Produktionsindex im Bau hat drei Punkte verloren und der PMI im Bausektor verharrt trotz eines Anstiegs im August unterhalb der Expansionsgrenze – er war mit dem Brexit-Votum zum ersten Mal seit Beginn der Messung unter diese Schwelle gefallen. Eine fehlende Investitionsdynamik könnte am Ende der Hauptgrund dafür sein, dass Großbritannien trotz zuletzt positiver Meldungen in die Rezession stürzt. Wer sich Großbritannien als Vorbild nimmt, um der EU den Rücken zu kehren, sollte sich einen solchen Schritt weiterhin gründlich überlegen.