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26.05.2016

Der Handlungsspielraum der US-Notenbank hängt weniger vom wirtschaftlichen Umfeld, sondern vielmehr von einer geschickten Kommunikation ab, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

So schnell kann sich die Welt ändern. Noch vor zehn Tagen wurde man bestenfalls für die Meinung belächelt, die Fed könne bereits im Juni den Leitzins ein weiteres Mal anheben, heute wird mit ernster nachdenklicher Miene dazu genickt.

Der Meinungsumschwung der Finanzmarktteilnehmer wurde durch die Veröffentlichung des Sitzungsprotokolls der Fed ausgelöst, in dem explizit auf die Möglichkeit einer geldpolitischen Straffung im Juni hingewiesen wurde. Prompt machte die aus dem Fed Funds Futures abgeleitete Wahrscheinlichkeit einer zeitnahen Zinsanhebung einen Satz von unter 10% auf über 30%. Dabei hatte sich an den Fakten nichts geändert. Die Wirtschaft in den USA zeigte erste Zeichen einer Belebung im zweiten Quartal, der Arbeitsmarkt hingegen eine etwas schwächere Dynamik und die Kerninflation (CPI core) lag im selben Monat weiterhin über 2%. Diese Daten waren den Marktteilnehmern bekannt. Der Unterschied zu vorher war schlicht, dass die Fed auf diese Fakten hingewiesen und betont hat, man könne Mitte Juni aktiv werden.

Die sprunghafte Entwicklung der Markterwartungen macht eines deutlich: Es kommt gar nicht auf die Fakten an, sondern auf die Art und Weise, wie die Fed die Fakten interpretiert. Wenn die US-Notenbank sagt, dass die Datenlage eine Zinsanhebung möglich macht, dann wird mit dieser Kommunikation ein Pflock eingeschlagen. Wenn die Fed sagt, die internationalen Entwicklungen seien wichtig für ihre Entscheidung, dann schauen alle Marktteilnehmer wie gebannt nach China und auf die globalen Aktienmärkte – so geschehen im September letzten Jahres. Und wenn die Fed meint, dass sie sich in letzter Zeit verstärkt die Anzahl der Blumenstraußverkäufe angeschaut habe, dann werden zweifellos im Finanzsektor ganze Researchteams zusammengestellt, um den Blumenmarkt zu analysieren.

Fernab jeder Polemik ergibt sich vor allem folgende Konsequenz: Die US-Notenbank hat großen Spielraum in ihren Handlungsmöglichkeiten. Sie könnte selbst bei einer schlechteren Wirtschaftslage den Leitzins anheben und dabei mit der Notwendigkeit argumentieren, das Zinsniveau zu normalisieren, solange die USA sich nicht in der Rezession befinde. Die Kanäle, über die sie kommunizieren und Erwartungen steuern kann, sind vielfältig. Neben den Stellungnahmen und Sitzungsprotokollen sind es vor allem die Reden der Fed-Mitglieder, aber auch Studien aus dem Hause der Fed.

Es wäre ohne Weiteres möglich die Schwelle für Zinsaktionen einfach tiefer zu legen. Und genau das sollte sie tun, um die schädlichen Nebenwirkungen der ZIRP-Politik (ZIRP = Zero Interest Rate Policy), auf die beispielsweise Fed-Mitglied Rosengren hinweist (Blasenbildung bei Gewerbeimmobilien), zu verhindern und beim nächsten Aufschwung wieder Munition zu haben. Für die Fed gilt: (Fast) Alles ist möglich und Kommunikation ist alles.

Dr. Cyrus de la Rubia
Chefvolkswirt der HSH Nordbank AG
und Leiter Volkswirtschaft & Research

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