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07.04.2016

Die Briten sollten letztlich vor einem Brexit zurückschrecken, sagt Sintje Boie.

Der Countdown läuft. Heute, am 7. April 2016, sind es noch 77 Tage bis zu dem Datum, das entscheidend für das Schicksal Großbritanniens sein wird: Der 23. Juni 2016, Tag des Referendums über den Verbleib oder das Ausscheiden aus der Europäischen Union (EU). Die Nervosität über den Ausgang der Abstimmung nimmt zu; ein Indikator dafür ist die sich fortsetzende Abwertung des britischen Pfundes gegenüber dem Euro.

Aktuelle Meinungsumfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern eines EU-Austrittes hin, während dagegen die aus dem Wettgeschäft abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten eine klare Sprache sprechen und die Chance eines Verlassens der EU (Brexit) lediglich mit 30% beziffern. Damit ist die Unsicherheit groß, wie das Referendum tatsächlich ausgehen wird. An dieser Stelle werden viele denken: „Ach, wenn es hart auf hart kommt, also am Tag der Entscheidung, dürfte sich die Mehrheit für einen Verbleib in der EU aussprechen, einfach weil das Risiko eines Brexit gescheut wird.“ Vielleicht ist das auch so. Vielleicht aber auch nicht, weil die EU bei den Briten mittlerweile angesichts von Flüchtlingskrise und eines ungebremsten Stromes an Zuwanderern auf immer größere Abneigung trifft, während die Risiken eines Austrittes unterschätzt werden.

Spielen wir das Szenario, dass sich die Briten am 23. Juni für einen Brexit entscheiden doch einmal durch. Was passiert im Anschluss an diese Entscheidung? Klar ist, dass erst einmal gar nichts klar sein wird. In welchem Rahmen die Trennung zwischen der EU und Großbritannien ablaufen wird, ist nirgendwo geregelt. Festgelegt im Artikel 50 des Vertrages über die EU ist, dass ein Staat auf eigenen Wunsch aus der EU austreten kann und dass beide Parteien zwei Jahre Zeit haben, das neue Verhältnis auszuhandeln. Das bedeutet eine lange Unsicherheitsphase, an deren Anfang massive Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten stehen könnten, gefolgt von abnehmenden Vertrauen und rückläufigen Investitionen in Großbritannien.

Wichtig für Großbritannien in den Verhandlungen mit der EU wäre es, sich einen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu erhalten. Letzterer ist charakterisiert durch vier Freiheiten – der freie Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Doch die EU hat wenige Anreize, Großbritannien nach einem beschlossenen Brexit in dieser Hinsicht entgegenzukommen. Denn damit würde sie für andere Länder, die mit ähnlichen Gedanken wie Großbritannien spielen, ein Exempel statuieren und daran sollte sie kein Interesse haben. Um weiterhin Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu haben, dürften viele Zugeständnisse von Seiten der Briten notwendig sein, die diese aber nicht bereit sind zu machen bzw. die sich mit dem EU-Austritt eigentlich hinter sich wissen wollten.

Auch von anderer Seite droht Unheil. Großbritannien hat ein großes Leistungsbilanzdefizit in Höhe von rund 5% des BIP (2014). Aufgrund des hohen Defizits ist das Land auf den Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen, so zum Beispiel auf ausländische Direktinvestitionen (FDI). Im Fall eines Brexit könnten diese Kapitalzuflüsse zum Erliegen kommen und zu einer Zahlungsbilanzkrise führen. Das Pfund würde in der Folge davon massiv abwerten, was höhere Inflationsraten und eine Belastung der Inlandsnachfrage nach sich ziehen würde. Fazit: Ein EU-Austritt ist für Großbritannien ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Wir gehen in unserem Basisszenario davon aus, dass die Briten letztlich davor zurückschrecken. Doch es bleibt eine Entscheidung auf Messers Schneide.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

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