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Wochenkommentar
22.04.2016

Das Nachholpotenzial in den meisten Schwellenländern bleibt enorm. Dennoch wird es keine Rückkehr zu dem Expansionstempo der 2000er Jahre geben, meint Cyrus de la Rubia.

Chinas Wachstum wird sich schon bald gegenüber den 2000er Jahren vermutlich auf 5% halbieren. Für Rohstoffproduzenten, Reeder und die Stahlbranche kommt diese Entwicklung unerwartet. Das zeigen zumindest die hohe Überkapazitäten, die in diesen Sektoren aufgebaut wurden und die zu dem massiven Verfall von Rohstoff- und Stahlpreisen sowie Frachtraten geführt haben. Sind also die goldenen Zeiten, als die die Jahre vor der Finanzmarktkrise bezeichnet werden können, endgültig vorbei? Oder macht die Welt nur eine Verschnaufpause und nimmt bald einen neuen Anlauf?

Letzterer Gedanke liegt nicht ganz fern, denn der Nachholbedarf in den meisten Ländern dieser Erde ist weiterhin gewaltig. In Indien haben 20 von 1000 Einwohnern ein Auto, in vielen afrikanischen Ländern bewegt sich diese Zahl im einstelligen Bereich, der Ausbau des Straßennetzes ist unterentwickelt, Deutschland verbraucht etwa 30 Mal so viel Strom wie das 173 Millionen Einwohner starke Nigeria und in Lateinamerika gibt es noch ein gewaltiges Wachstumspotenzial.

Und dennoch ist die Hoffnung auf ein zweites China übertrieben. Nicht, weil die genannten Ländern auf immer und ewig in Armut verharren werden. So sind in vielen Ländern Afrikas wichtige Fortschritte erkennbar und der Wohlstand wächst. Der Unterschied ist das Tempo: China hat beispielsweise in nur drei Jahren (2011 bis 2013) mehr Zement verbraucht als die USA im gesamten 20igsten Jahrhundert. Das BIP der Volksrepublik hat sich innerhalb von 30 Jahren mehr als versiebzehnfacht. Nur wenige Länder wie Korea, Taiwan und Japan haben Vergleichbares geschafft. Dies sind jedoch relativ kleine Länder, deren Einfluss auf die Weltwirtschaft beschränkt war. Indien ist zwar mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern potenziell ein ähnliches Schwergewicht wie China. Das Land hat jedoch – und damit kommt man zum Kern der Sache – wesentlich komplexere Entscheidungsstrukturen als China. Infrastrukturprojekte werden im Land der Mitte schlicht angeordnet und umgesetzt, während im demokratisch und föderal strukturierten Indien die Genehmigungsprozesse jahrelang im funktionsgestörten Rechtsystems festhängen. Die Entscheidungsstrukturen in afrikanischen Staaten müssen hier gar nicht genauer unter die Lupe genommen werden: Selbst wenn in einzelnen Ländern Erfolge gefeiert werden können, wird es aller Wahrscheinlichkeit niemals dazu kommen, dass der gesamte Kontinent (und nur in dieser Dimension ist die Region  mit China vergleichbar) eine koordinierte Megaexpansion einleitet. Auch für Lateinamerika, das sich einkommensmäßig auf einem deutlich höheren Niveau befindet als der afrikanische Kontinent, ist eine derartige Entwicklung nicht zu erwarten – Brasiliens Korruptionsskandal lässt grüßen.

Man darf sich keinen Illusionen hingeben: Der von China befeuerte Superzyklus der vergangenen 30 Jahre war eine absolute Ausnahmeerscheinung, die sich in dieser Form nicht wiederholen wird. Die Nachfrage nach Rohstoffen, Transportleistungen und Infrastruktur wird weiterhin gewaltig sein, aber die Expansionsrate wird nicht mehr annähernd die Dimensionen der letzten Jahrzehnte erreichen. Darauf müssen sich Unternehmen einstellen und sollten nicht auf ein Wunder hoffen.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank