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Wochenkommentar

Nur ein Scherz oder doch Realität: Helikoptergeld

23.03.2016

Helikoptergeld ist äußerst schwierig umzusetzen, sagt Sintje Boie.

Gerade erst hat die EZB eine umfangreiche Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen und schon gehen die Spekulationen über weitere Maßnahmen in eine neue Runde. Und es wird immer ausgefallener. Dieses Mal wird die Möglichkeit von Helikoptergeld diskutiert. Auslöser dafür ist eine entsprechende Frage an EZB-Präsident Draghi auf der Zinssitzung gewesen, die dieser folgendermaßen beantwortete: "…Darüber ist im EZB-Rat noch nicht nachgedacht und diskutiert worden, aber es ist ein sehr interessantes Konzept."

Könnte Helikoptergeld tatsächlich eine realistische Alternative für die Notenbank darstellen? Zwar nicht zum jetzigen Zeitpunkt, aber dann, wenn sich nach einer gewissen Zeit abzeichnet, dass die bisher von der EZB ergriffenen Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen? Klar ist, dass den Währungshütern nach und nach die geldpolitischen Mittel ausgehen. Einzelmaßnahmen sind noch möglich, doch ein großes Maßnahmenpaket wird zunehmend schwierig. Die Zinsen – also Einlagensatz oder Leitzinsen (Hauptrefinanzierungssatz) – können nicht unendlich sinken. Denn das führt zu unerwünschten Verwerfungen: Die Bargeldhaltung wird attraktiver und Banken sowie Unternehmen sehen sich nach Möglichkeiten um, die unliebsamen Strafzinsen zu umgehen. Gleichzeitig können die monatlichen Anleiheankaufvolumina angesichts von Liquiditätsproblemen nicht beliebig nach oben angepasst werden und der Auswahl neuer anzukaufender Anlageklassen sind ebenfalls Grenzen gesetzt.

Die Idee beim Helikoptergeld ist folgende: Die EZB möchte über ihre Geldpolitik den Kreditkanal ankurbeln. Wenn dieser jedoch verstopft ist, also die Geschäftsbanken die günstige Zentralbankliquidität nicht weitergeben, so werden diese umgangen und den Bürgern wird direkt Geld gutgeschrieben. Das Geld käme damit dort an, wo es gebraucht wird. Privater Konsum und Preise würden steigen, wie es gewünscht ist.

Das klingt soweit erst einmal ganz gut. Doch die konkrete Umsetzung wirft entscheidende Fragen auf. Wie soll beispielsweise die Vergabe des Geldes erfolgen? Die Bürger haben keine Konten bei der EZB, die Verteilung muss also in irgendeiner Weise über den Staat erfolgen. Sehr viel schwerwiegender sind zudem die Probleme, die sich aus rechtlicher und buchhalterischer Sicht ergeben. Der Unterschied zu den bisherigen geldpolitischen Maßnahmen der EZB besteht darin, dass das Geld nicht verliehen, sondern verschenkt wird. Damit ergibt sich ein Bilanzverlust für die Notenbank, der vom Staat ausgeglichen werden muss. Das kann über eine nicht stattfindende Gewinnausschüttung der EZB bzw. der nationalen Notenbanken an den Staat, den direkten Abkauf von Staatsanleihen oder die Übertragung von Vermögensgegenständen erfolgen. Die letzten beiden Varianten sind eine Form der monetären Staatsfinanzierung und rechtlich nicht zulässig. Die einzelnen Euro-Länder würden mit in die Verantwortung gezogen werden, wodurch aus der geld- eine fiskalpolitische Maßnahme wird. Das geschenkte Geld könnte darüber hinaus schnell wieder Begehrlichkeiten in der Zukunft wecken, wenn es hart auf hart kommt.

Die Liste der zu lösenden Probleme ist lang. Helikoptergeld wäre eine Art Tabubruch, den die EZB sehr umsichtig kommunizieren muss und der unseres Erachtens nur im äußersten Notfall zur Anwendung kommt. Es wäre eine Verzweiflungstat, für die es auf Ebene der Notenbank und der Politik nur einen gemeinsamen Konsens geben dürfte, wenn der Eurozone eine Rezession mit abwärts gerichteter Deflationsspirale droht.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

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