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Wochenkommentar
10.03.2016

Auch wenn China sein Wachstumsziel nicht erreichen wird, dürfte das Land stabil bleiben und das ist das Wichtigste für die Weltwirtschaft, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Die chinesische Regierung hat beim nationalen Volkskongress zwei Dinge angekündigt: Erstens, das jährliche Wachstum soll in den nächsten fünf Jahren im Durchschnitt 6,5 bis 7 Prozent betragen. Und zweitens, die chinesische Wirtschaft steht vor einem historischen Umbau. Das Problem: Die beiden Ziele sind nicht miteinander vereinbar.

Niemand zweifelt daran, dass das Wachstumsmodell Chinas einer grundlegenden Revision bedarf.  Der bisherige Weg währungspolitisch abgestützte Exportpolitik zu betreiben, umweltzerstörende Schwerindustrie zu subventionieren oder ganze Städte zu bauen, die keiner bewohnen möchte, ist – milde ausgedrückt – nicht nachhaltig. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung des Ministerpräsidenten Li Keqiang zu begrüßen, dass die Überkapazitäten in der Stahl- und Kohleindustrie deutlich abgebaut und der Weg hin zu einer innovativen, stärker von Dienstleistungen geprägten Wirtschaftsstruktur geebnet werden soll.

Vielleicht wenden Sie an dieser Stelle ein, dass dieser Strukturwandel gar nicht gelingen kann oder gar nicht gewollt ist. In der Tat wird diese Sicht durch die Ankündigung des Ministerpräsidenten, das Budgetdefizit auszuweiten und damit die Staatsverschuldung zu erhöhen, scheinbar gestützt, war doch das Wachstum der Vergangenheit großenteils schuldenfinanziert. Übersehen werden jedoch die schon jetzt vorzuweisenden Erfolge einer Reformpolitik, die bereits vor einigen Jahren eingeleitet wurden: So ist der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft voll im Gange, die Innovationsfähigkeit chinesischer Firmen stellen Unternehmen wie Xiaomi, Tencent und Lenovo unter Beweis und beim Kampf gegen die Korruption unterstreicht die steigende und hohe Anzahl an Strafverfahren die Ernsthaftigkeit, mit der dieses Vorhaben verfolgt wird. So gesehen ist man auf dem richtigen Weg und wird diesen auch weitergehen.

Allerdings ist kaum vorstellbar, dass unter diesen Umständen ein jährliches Wachstum von über 6,5 Prozent erreicht werden kann. Denn die zunehmende Bedeutung von Dienstleistungen führt gleichzeitig zu einer nachlassenden Produktivität. In Bezug auf innovative Industrien sind zwar Erfolge zu verbuchen, aber hier ist man noch weit entfernt von der kritischen Masse, mit der man den rückläufigen Produktivitätstrend kompensieren könnte.

Sollte uns die Aussicht auf eine Wachstumsverlangsamung auf beispielsweise 5 Prozent – das ist unsere Erwartung für die Jahre nach 2018 – Kopfzerbrechen bereiten? Ja und Nein. Ja, weil dieses Wachstum deutlich weniger importintensiv ausfallen wird als in der Vergangenheit. Dies liegt in der Natur von Dienstleistungen, die stärker binnenwirtschaftliche Impulse liefern. Chinas Bedeutung als Exportmarkt für den Rest der Welt wird daher in Zukunft weniger rasch wachsen, als die nackte Zahl von 5 Prozent suggeriert. Und nein, weil es China auch mit einer niedrigeren Wachstumsrate gelingen dürfte, die meisten Menschen in Lohn und Brot zu halten, da der Dienstleistungssektor besonders beschäftigungsintensiv ist. Soziale Unruhen, die globale Schockwellen zur Folge hätten, sind auf absehbare Zeit daher wenig wahrscheinlich.

Fazit: China-Investoren sollten sich auf ein niedriger als von der chinesischen Regierung verkündetes Wachstum einstellen. Im globalen Vergleich wird die Wirtschaft weiterhin überdurchschnittlich expandieren und stabil bleiben. Die Welt wird damit gut leben können.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.