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Wochenkommentar
12.02.2016

Der Pessimismus der Anleger ist momentan sehr hoch, sagt Sintje Boie.

Seit Jahresanfang befinden sich die internationalen Finanzmärkte in Aufruhr. Die Aktienmärkte sind weltweit eingebrochen, sichere Anlageklassen wie US-Treasuries oder Bundesanleihen können von massiven Zuflüssen profitieren, der Ölpreis ist erneut auf Talfahrt gegangen und Risikoprämien steigen.

Was ist passiert? Eigentlich noch nicht so viel, möchte man erklären, doch die Verunsicherung bei den Anlegern ist groß und hat zu einer stärkeren Gewichtung von Risikofaktoren geführt. Zudem ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich das globale Konjunkturbild eintrübt, was zusammen mit den sich im Sinkflug befindenden Rohstoffpreisen Angst vor einer Rezession der Weltwirtschaft geschürt hat. Viele Schwellenländer schwächen sich stärker ab als erwartet, und die US-Konjunkturdaten lassen auf eine Verlangsamung der Erholung schließen.

Dazu kommen Befürchtungen vor einer neuen Bankenkrise. Europäische Bankaktien haben deutliche Verluste hinnehmen müssen – vor allem deutsche und italienische Großbanken. Viele Institute haben weiterhin mit Altlasten zu kämpfen und haben entsprechend faule Kredite in ihrem Portfolio. In den USA gibt es darüber hinaus Sorgen, dass der niedrige Ölpreis für eine Pleitewelle bei US-Schieferölproduzenten sorgen könnte, die sich über Banken finanziert haben, was wiederum den Bankensektor in Bedrängnis bringen würde. Die zunehmenden Ängste vor einer Bankenkrise machen sich in steigenden CDS Spreads (Kreditausfallversicherungen) für Banken bemerkbar. Die CDS Spreads für europäische Banken haben ein Niveau von 170 bp erreicht und liegen damit fast schon auf den Höchstständen, die während der Finanzmarktkrise eingenommen wurden. Im Vergleich dazu sind die CDS Spreads für US-Banken wesentlich weniger stark angestiegen.

Droht also eine neue Finanzkrise im Stil der Krise von 2008/2009, als sich die Probleme auf dem US-Subprime-Immobilienmarkt über Kreditverbriefungen zu einer weltweiten Bankenkrise, zu massiven Finanzmarktturbulenzen und zu einem Stillstand der Weltwirtschaft ausdehnten? Wir halten den derzeit in vielen Finanzmarktindikatoren zum Ausdruck kommenden Pessimismus der Anleger für übertrieben.

Ja, die Abwärtsrisiken für die weitere Konjunkturentwicklung haben sich für viele Industrienationen erhöht, da sich das globale Wachstumsumfeld eingetrübt hat. Länder wie Brasilien, Russland oder die OPEC-Staaten werden durch die niedrigen Rohstoffpreise zusätzlich unter Druck gesetzt. Die US-Schieferölindustrie wird ebenfalls durch das Abrutschen der Ölpreise in die Ecke gedrängt, was nicht ohne Folgen für ihre Zulieferer bleiben sollte und schon jetzt zu Kreditausfällen bzw. Ausfällen von High Yield-Anleihen der Ölförderer führt. Auf der anderen Seite steht der positive Effekt eines niedrigen Ölpreises. Für alle ölimportierenden Länder wirkt der gesunkene Preis wie ein großes Konjunkturprogramm, das das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte deutlich erhöht und für den Konsum zur Verfügung steht. Für alle energieintensiven und erdölverarbeitenden Unternehmen bedeutet er erhebliche Kostenersparnisse. Ein flacher verlaufender Konjunkturpfad muss nicht automatisch in einer weltweiten Rezession münden – dagegen spricht unseres Erachtens z.B. die gute Inlandsnachfrage in Ländern wie Deutschland oder den USA. Die aktuellen Finanzmarktturbulenzen sind nicht aus der Luft gegriffen. Aber ein nüchterner Blick auf die ökonomischen Fundamentaldaten lässt viel Raum für eine deutlich optimistischere Sichtweise.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank