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07.01.2016

In der Fed findet ein ideologischer Umbruch statt, beobachtet Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Die herrschende geldpolitische Lehre in den USA war bislang eindeutig: Die US-Notenbank soll sich um die beiden Ziele Inflation und Beschäftigung kümmern, Punkt. Finanzmarktstabilität habe in der Zielfunktion einer Zentralbank nichts zu suchen. Wenn es in Folge einer Niedrigzinspolitik zum Aufbau von Vermögenspreisblasen kommt, dann gäbe es dagegen nur zwei Antworten: Man wartet, so hat es der frühere Notenbankpräsident Alan Greenspan sinngemäß formuliert, bis die Blasen platzen und räumt dann das Chaos auf. Oder man setzt auf regulatorische Eingriffe, um das Entstehen von Preisübertreibungen zu verhindern oder zumindest zu bremsen. Es sei demgegenüber Unsinn, mit Leitzinserhöhungen gegen Exzesse an den Finanzmärkten vorzugehen. Entsprechende Äußerungen aus "old Europe" wurden gerne von Fed-Mitgliedern belächelt. Warum stammen denn bitteschön 80 Prozent aller Nobelpreisträger der Ökonomie aus den USA?

Jetzt aber deutet sich ein historischer Wandel an. Die Fragilität der Finanzmärkte bereitet mehr und mehr Fed-Mitgliedern Sorge und der Leitzins wird als Instrument angesehen, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Beispielsweise hat Eric Rosengren, Präsident von der Fed in Boston, auf das Risiko hingewiesen, die Fed Fund Rate zu lange auf dem derzeit niedrigen Niveau zu lassen. Konkret verwies er vor einigen Wochen auf den Markt für Gewerbeimmobilien: "Wenn die Zahl der Kräne bei einem kurzen Spaziergang in einer Stadt wie Boston (…) zweistellig wird, dann sollte man sich über die Nachhaltigkeit dieses Wachstums Gedanken machen." Schwerer wiegt noch die jüngste Äußerung des Vizepräsidenten der Fed, Stanley Fischer, dass es unter bestimmten Umständen sinnvoll sein kann, "die Geldpolitik (…) zu nutzen, um sich gegen den Wind von Finanzmarktrisiken zu stellen". Unterstützt wird die höhere Sensibilität gegenüber Stabilitätsrisiken durch einen Report des US-Finanzministeriums von Ende Dezember. Dort werden vor allem die Gefahren im Anleihemarkt für Nicht-Finanzunternehmen thematisiert.

Dieser Stimmungswandel hat Konsequenzen für die Mehrheitsverhältnisse im FOMC-Rat. Neben Fischer und Rosengren dürften sich zwei weitere Mitglieder für weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr aussprechen: Esther George, Präsidentin von der Fed Kansas, die in 2013 stets gegen das QE-Programm votiert hat; und James Bullard von der Fed St. Louis, der sich bereits im April 2015 für eine Leitzinserhöhung ausgesprochen hatte. Insgesamt sind damit vier der zehn FOMC-Mitglieder der "hawkischen" Seite zuzurechnen. Dass auch die Fed-Präsidentin Janet Yellen zunehmend über den Zusammenhang von Niedrigzinsen und Finanzmarktstabilität nachdenkt, wurde auf ihrer letzten Pressekonferenz im Dezember deutlich.

Das Fazit ist damit klar: Selbst wenn die US-Wirtschaft nicht die erwartete Dynamik aufweist, dürfte die Fed dennoch mehrere Leitzinserhöhungen in diesem Jahr durchführen. Eine wesentlich langsamere geldpolitische Gangart könnte demgegenüber die Fehlbewertungen an den Finanzmärkten verschärfen. Greenspans "Chaos-Lehre" hat hoffentlich ausgedient.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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