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Wochenkommentar
04.12.2015

Die Bank of England steckt in einem Dilemma: Sie wird ihren geldpolitischen Kurs kaum durchhalten können, meint Patrick Harms, Gast-Researcher bei der HSH Nordbank.

Die Bank of England (BoE) hat derzeit einen schweren Stand. Seit einiger Zeit bereitet Gouverneur Marc Carney die Märkte auf den ersten Zinsschritt vor und hat seinen Kurs erst kürzlich bestätigt. Aber die BoE sitzt in der Falle: mit der extrem niedrigen Inflationsrate von -0,1% verfehlt sie ihr Inflationsziel von 2% so weit nach unten wie noch nie. Eine ungewöhnliche Situation für das inflationstolerante Großbritannien. Gleichzeitig hat sich auf der Insel ein vor allem vom Ausland finanzierter Immobilienboom entwickelt, der die finanzielle Stabilität nachhaltig gefährden könnte.

Aus konjunktureller Sicht spricht derzeit alles für die Zinswende: die britische Wirtschaft wird in 2015 mit einer Rate von deutlich über 2% wachsen und die Arbeitslosenquote ist mit 5,4% bereits auf Vorkrisenniveau angekommen. Das Lohnwachstum hinkt noch etwas hinterher, ist aber weitestgehend stabil. Die niedrige Inflationsrate ist daher vor allem auf den Ölpreisverfall zurückzuführen. Dennoch dürfte sich die BoE schwer tun über diese Verfehlung ihres Zieles hinwegzusehen. Noch weiter verkompliziert wird die Lage durch den Boom an den Immobilienmärkten: in London legten die Preise für Wohnimmobilien seit 2009 um 65 – 80% zu. Der Boom wird vorwiegend von ausländischen Investoren finanziert – für durchschnittliche Briten sind die eigenen vier Wände in London kaum noch erschwinglich. Diese hohe Abhängigkeit vom Vertrauen ausländischer Investoren könnte die britische Wirtschaft noch teuer zu stehen kommen. Im Falle eines negativen Ereignisses – wie ein Konjunktureinbruch als Reaktion auf die Zinswende oder ein näher rückender „Brexit“ – würde die Stabilität des britischen Finanzsystems ernsthaft auf die Probe gestellt.

Die BoE steckt in einem Dilemma: Aus geldpolitischer Sicht ist eine baldige Zinserhöhung mit Blick auf das Inflationsziel nicht vereinbar. Carneys „forward guidance“ deutet aber auf eine Zinserhöhung in der ersten Hälfte von 2016 hin. Die Zinswende würde die Renditen in Großbritannien erhöhen und damit noch mehr ausländisches Kapital anziehen. Eine weitere Aufwertung des Pfunds wäre dann eine ausgemachte Sache. Um das hohe Außenhandelsdefizit zu verringern, benötigt die britische Wirtschaft eigentlich einen schwächeren Sterling. Andererseits müssen Wege gefunden werden, den Übertreibungen an den Immobilienmärkten Herr zu werden. Geldpolitik wäre dabei eine Option, wobei unwahrscheinlich ist, dass eine Anhebung der Zinsen um einige Basispunkte ausreicht, um dem Immobilienboom etwas entgegenzusetzen.

Wie die BoE die Quadratur dieses Kreises im kommenden Jahr bewerkstelligen will, wird also spannend. Eine verfrühte Erhöhung ist gefährlich, weil sie den hart erarbeiteten Ruf der Bank, ausschließlich ihrem Inflationsziel von 2% zu gehorchen aufs Spiel setzen könnte und das außenwirtschaftliche Ungleichgewicht weiter verschlimmern würde. Mit einer Aufschiebung der Zinswende würde die „forward guidance“ von Gouverneur Carney vollständig zusammenbrechen und das Risiko für finanzielle Instabilität steigen. Das britische Beispiel könnte allerdings dazu führen, dass die Erkenntnis reift, dass der alleinige Fokus der Geldpolitik auf die Inflationsrate zum Pro-blem werden kann. Ohne die Unterstützung von den anderen wirtschaftspolitischen Akteuren wird es der BoE unmöglich sein, ihre Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten. In dieser Lage sind die Zentralbanker auf der Insel wahrlich nicht zu beneiden.

Patrick Harms, Gast-Researcher bei der HSH Nordbank

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