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Wochenkommentar
19.11.2015

Die gesunkenen Rohstoffpreise bieten zusammen mit den niedrigen Zinsen und dem anziehenden Konsum gute Rahmenbedingungen für Investitionen, meint Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank.

Wieder ist ein Zyklus zu Ende gegangen. Nach der Dotcom-Blase und der US-Wohnimmobilienblase ist die Rohstoffblase geplatzt. Rohstoffpreise befinden sich im freien Fall. Der CRB-Rohstoffindex stürzt in diesen Tagen immer weiter seinem Tiefststand von der Finanzkrise im Jahr 2009 entgegen. Es geht dabei um ein breites Spektrum an Rohstoffen, von Energierohstoffen wie Öl über Metalle bis zu Agrarrohstoffen. Ein Ende ist angesichts rekordverdächtiger Lagerbestände nicht abzusehen. In einer solchen Lage gibt es viele Verlierer. Die Unsicherheit bei den Notenbanken wegen der sinkenden Inflationsraten und der Unternehmen wegen der konjunkturellen Risiken ist groß. Dabei gilt es jetzt, die sich bietenden Chancen zu nutzen.

Über viele Jahre hinweg schien der Rohstoffhunger der Welt keine Grenzen zu kennen. Die Erfolgsstory der Rohstoffe war eng mit dem Auftritt Chinas auf den Weltmärkten verbunden. Der schier unbändige Rohstoffhunger der Chinesen traf schon bald auf ein viel zu geringes Angebot, was zu einem kräftigen Anstieg der Preise führte. Kein Wunder, dass dies zu einem Investitionsboom sondergleichen führte. So wurden von den Minenkonzernen die Kapazitäten ausgebaut, die Ölförderung durch die US-Fracking-Aktivitäten angekurbelt und die Anbauflächen von Agrarrohstoffen ohne Rücksicht auf die Natur ausgeweitet. Auch das Investmentbanking profitierte von der Rohstoffhausse. Rohstoffe wurden zu einer eigenen Assetklasse gekürt, die in keinem professionellen Portfolio fehlen durfte. Da störte es nicht, dass die physisch verfügbaren Rohstoffe vom Volumen der Derivate um ein Vielfaches übertroffen wurden. Selbst die Notenbanken haben mit ihrer Niedrigzinspolitik zur Bildung der Blase beigetragen. Angesichts der günstigen Kredite wurden die Risiken der besonders langfristigen und anlageintensiven Investitionen maßlos unterschätzt. Nun sitzen die Investoren nicht selten vor einem Scherbenhaufen. Betroffen sind vor allem die stark von Rohstoffexporten abhängigen Volkswirtschaften wie Russland und Brasilien. Vor allem deshalb hat sich das Wachstumstempo der globalen Konjunktur deutlich verlangsamt. Zudem ist in Industrieländern wie den USA und Großbritannien die teure unkonventionelle Ölförderung durch Fracking bzw. die Offshore-Ölförderung in der Nordsee nicht mehr kostendeckend und bremst die Wirtschaft.

Demgegenüber könnte die Stimmung bei den Konsumenten in den USA und vielen europäischen Ländern kaum besser sein. Die Preise fallen und die Kaufkraft steigt. Insbesondere von den niedrigeren Benzinpreisen und Transportkosten profitieren fast alle. Trotzdem fehlt es vielen Volkswirtschaften an Schwung. Eigentlich sollten die gesunkenen Preise und der anziehende Konsum wie ein Konjunkturprogramm wirken. Was noch fehlt sind die Investitionen. Sie kommen trotz niedriger Zinsen, gesunkener Einkaufspreise und zunehmender privater Nachfrage nicht so richtig in Gang. Besser können die Rahmenbedingungen für die Unternehmen nicht werden. Deshalb gibt es keinen Grund, Investitionen weiter nach hinten zu verschieben. Vielmehr sollten sich die Unternehmen vom Optimismus der Konsumenten anstecken lassen.

Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank