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Wochenkommentar

Geldpolitik in der Eurozone: Es kann nicht nur eine geben…

26.11.2015

Kann es eine gemeinsame Geldpolitik für alle Euro-Länder geben, fragt Sintje Boie.

Die griechische Wirtschaft ist trotz Eskalation des Schuldenstreits mit den internationalen Gläubigern und einem Beinahe-Austritt aus der Eurozone im vergangenen Quartal im Vergleich zur Vorperiode nur um 0,5 Prozent geschrumpft. Das ist durchaus positiv zu bewerten – genauso wie die Tatsache, dass sich der Finanzierungsbedarf des Bankensektors mit 10 Mrd. Euro eher am unteren Ende der Schätzungen bewegt. Nichtsdestotrotz ist das BIP 2014 um 1,5 Prozent zurückgegangen. Im ersten Halbjahr 2015 hatte es sich moderat erholt, doch der Schuldenstreit und die damit einhergehende Lähmung der Wirtschaft lassen einen Rückfall in die Rezession in der zweiten Jahreshälfte vermuten. Die Arbeitslosenquote liegt immer noch bei 25 Prozent, während sich die Staatsverschuldung mit 180 Prozent des BIP auf einem schwindelerregenden Niveau bewegt.

Auf der anderen Seite der Skala liegt Irland. Das Land, das im Zuge der europäischen Schuldenkrise ebenfalls am Rande des Abgrundes stand, hat in den letzten Jahren eine beispiellose Entwicklung gezeigt. So ist die Arbeitslosenquote, die Anfang 2012 einen Höhepunkt von 15 Prozent erreichte, mittlerweile auf 9,3 Prozent gesunken. Die irische Wirtschaft boomt: 2014 wuchs sie mit 5,2 Prozent, und in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres mit Raten von rund 2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Für das Gesamtjahr 2015 könnte sich damit eine Wachstumsrate von 7 Prozent ergeben. Mit dem dynamischen Wachstum konnte die Staatsverschuldung von einem Höchststand bei 120 Prozent auf 108 Prozent des BIP gedrückt werden.

Für diese beiden Länder bzw. die gesamten Euro-Länder, die in ihrer Wirtschaftsentwicklung unterschiedlicher nicht sein könnten, schickt sich die EZB auf ihrer nächsten Zinssitzung am 3. Dezember an, die Geldpolitik weiter zu lockern. Wir rechnen damit, dass die Notenbank zum einen den Einlagensatz um 10 bp auf -0,30 Prozent senken und zum anderen ihr Anleiheankaufprogramm weiter ausweiten dürfte. Letzteres umfasst die Erhöhung der bisherigen Ankaufvolumina um 10 bis 30 Mrd. Euro auf 70 bis 90 Mrd. Euro und die Erweiterung des Anleiheankaufspektrums auf Anleihen von Bundesländern, Kommunen und staatsnahen Unternehmen. In einem zweiten Schritt könnte die EZB sogar die Verlängerung der Anleihekäufe über den September 2016 hinaus beschließen.

Eine solche Geldpolitik scheint angebracht für Griechenland, aber wohl kaum für Irland. In dem Land dürfte die Niedrigzinspolitik der EZB eine Blase am Immobilienmarkt heraufbeschwören. Das Platzen der letzten Blase dort hatte die irische Schuldenkrise bedingt. Nun mag man einwenden, dass der Anteil der beiden Länder an der gesamten Wirtschaftsleistung der Eurozone verschwindend gering ist und sich die Geldpolitik der EZB nicht an den Extremfällen orientieren kann und muss, sondern im Durchschnitt der Eurozone passen muss. Doch das Beispiel zeigt, wie schwierig und kritisch es ist, eine einheitliche Geldpolitik für den gesamten Währungsraum zu machen. Diese legt den Grundstein für neue Fehlentwicklungen, die sich zu einer erneuten Krise zuspitzen können, wenn nicht von anderer Stelle, wie zum Beispiel von staatlicher Seite mit einer entsprechenden regionalen Fiskalpolitik, gegengesteuert wird. Entsprechend sollte die EZB bei ihren Entscheidungen Maß halten, doch derzeit laufen solche Einwände bei den Notenbankern noch unter der Rubrik Kollateralschaden.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank