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Wochenkommentar
15.10.2015

Rund sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise befinden sich die Notenbanken immer noch im Krisenmodus. Doch die Geldpolitik kann nicht alle Krankheiten heilen, sagt Sintje Boie.

Die Diskussionen an den Finanzmärkten sind allgegenwärtig und mit jeder Nachricht, mit jeder Datenveröffentlichung, werden die Puzzleteilchen aus einer anderen Richtung beleuchtet und interpretiert. Streitthema ist die zukünftige Geldpolitik der großen Notenbanken weltweit. Wird die Fed die Leitzinswende in den USA einleiten und wenn ja, wann? Wird die EZB ihr im März begonnenes Anleiheankaufprogramm (QE) ausweiten und wenn ja, wie? Gibt es eine Erhöhung der Ankaufvolumina oder eine Verlängerung des Programmes über den September 2016 hinaus? Wann kommt die erste Zinsanhebung in Großbritannien? Wird die Bank of Japan ihre Anleiheankäufe nochmals aufstocken?

Rund sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise und fünf Jahre nach dem Ausbruch der europäischen Schuldenkrise befinden sich die Notenbanken mit Leitzinsen nahe der Nulllinie und einer durch Anleiheankäufe und anderen unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen massiv aufgeblähten Bilanzsumme immer noch im Krisenmodus. Vereinzelt wird versucht, aus der Politik des lockeren Geldes auszusteigen. So hat die Fed die Finanzmärkte monatelang auf eine erste Zinsanhebung in der zweiten Jahreshälfte 2015 vorbereitet, um doch angesichts der von der Konjunkturabschwächung in den Schwellenländern ausgehenden Risiken auf der Zinssitzung im September davor zurückzuschrecken. Gleiches droht im Dezember. Gar nicht zu reden von der EZB. Sie denkt angesichts der rückläufigen Inflationsraten und dem sich damit nach unten verschiebenden mittelfristigen Inflationsausblick darüber nach, ihr Anleiheankaufprogramm auszuweiten (QE2).

Die Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik lässt die Zinsen länger auf niedrigen Niveaus verharren. Die Verschiebung der Leitzinswende in den USA wird die dortigen Zinsen wesentlich später ansteigen lassen. Zudem ist kurzfristig Rückschlagspotenzial vorhanden, wenn sich abzeichnet, dass die Fed die Leitzinsen auch im Dezember nicht anhebt. Die Zinsen in der Eurozone dürften mit QE2 auf Sicht der nächsten Monate erneut sinken, auch wenn die für die 10jährigen Bund-Renditen im April gesehenen Rekordtiefstände oder sogar Negativrenditen nicht erreicht werden sollten. Dafür schätzen wir die konjunkturelle Situation der Eurozone als zu robust ein. Mit der US-Leitzinswende dürften die Renditen hierzulande moderat ansteigen – trotz der Anleihekäufe der EZB. Allerdings vollzieht sich dieser Zinsanstieg auf wesentlich niedrigeren Niveaus.

Doch eine ultralockere Geldpolitik als Dauerzustand kann keine Lösung sein. Im Konjunkturverlauf – also dem unterschiedlichen Auslastungsgrad des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft – könnte der Abschwung schon wieder näher sein als gedacht. Möglicherweise ist man auf der Suche nach einer Boomphase, die es so nie geben wird. Entsprechend müssen die Notenbanken an ihrer Kommunikation arbeiten. Eine Straffung der Geldpolitik ist auch dann umsetzbar, wenn sich noch nicht alle Parameter im gewünschten Bereich befinden. Sie muss nur durch eine entsprechende Kommunikation begleitet werden. Denn wie gesagt, die Notenbanken befinden sich im Krisenmodus, und es geht noch lange nicht um eine restriktive Geldpolitik, sondern nur um ein Verlassen des Ausnahmezustandes. Und im Fall der EZB kann die Geldpolitik auch nicht alle Krankheiten heilen. Das sollten die Notenbanker im Hinterkopf behalten und sich rüsten vor tatsächlich schwierigen Zeiten.

Sintje Boie.