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Wochenkommentar
16.09.2015

Eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank wird nur dann zu Turbulenzen führen, wenn er ungeschickt kommuniziert wird, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

An warnenden Stimmen ist kein Mangel: Der Internationale Währungsfonds (IWF) mahnt, es sei zu früh für eine Zinsanhebung und wird sekundiert von der Weltbank, die als Folge eine erhöhte Kapitalflucht aus Schwellenländern und Währungsturbulenzen befürchtet. Die Tageszeitung Financial Times trommelt schon seit Monaten gegen eine Zinserhöhung und verweist unter anderem auf die niedrige Inflation, die sich weit von dem Zielwert von 2% entfernt befinde. Damit liegt die Zeitung auf der Linie des Keynesianers und Ex-Finanzministers der USA, Larry Summers, der am liebsten eine Wiederaufnahme des Anleiheankaufprogramms sehen würde. Die Vehemenz, mit der gegen eine Zinserhöhung argumentiert wird, überrascht aus zwei Gründen.

Erstens sind bei einer etwas objektiveren Betrachtung die Voraussetzungen für den Beginn eines Leitzinserhöhungszyklus gegeben. Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 3,7% gegenüber dem Vorquartal gewachsen (annualisierte Rate), der 70% zum BIP beitragende Dienstleistungssektor dürfte im laufenden Quartal gemäß dem entsprechenden ISM-Geschäftsklimaindex mit einer ähnlichen Rate expandieren, und am Arbeitsmarkt ist das Ziel Vollbeschäftigung in Reichweite. Gleichzeitig sollte nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte klar geworden sein, wie gefährlich das Beibehalten ultraniedriger Zinsen ist.

Interessanterweise ist es nicht nur die Bank für Internationale Zahlungsausgleich, die vor der Entstehung von Vermögenspreisblasen warnt. Auch der IWF verwies – im offensichtlichen Widerspruch zu seinen aktuellen Empfehlungen – in seinem Stabilitätsreport bereits vor einem Jahr sehr deutlich auf das Risiko überbewerteter Finanzmärkte.

Zweitens kann die Fed durch die Art und Weise, wie sie den notwendigen Zinsschritt kommunikativ begleitet, einen beträchtlichen Teil der Spannungen abfangen, die die Gegner einer Zinserhöhung für den Fall des Handelns erwarten. Denn es geht nicht um die nackte Zinserhöhung, sondern um den erwarteten Verlauf des Leitzinserhöhungszyklus. Hier hat die Fed-Chefin Janet Yellen bereits klar gemacht, dass man keineswegs den Greenspanschen Weg von 1994 gehen möchte, als die Fed den Schlüsselzins innerhalb von 12 Monaten um 300 Basispunkte angehoben hat. Auch die von 2004 bis 2006 währende geldpolitische Straffung um über 425 Basispunkte ist sicherlich kein Maßstab. Vielmehr, und das muss auf der Pressekonferenz deutlich gemacht werden, wird das Tempo wesentlich gemäßigter ausfallen. Dazu kommt, dass die Schrittgröße von 25 Basispunkten oder einem Vielfachen davon kein Naturgesetz ist. Man kann auch kleinere Schritte von 15 oder 20 Basispunkten gehen. Nimmt man beispielsweise eine Zinserhöhung von derzeit 0 bis 25 Basispunkte (in dieser Bandbreite ist die Fed Fund Rate derzeit definiert) auf 15 bis 35 Basispunkte an und macht den Marktteilnehmern zwischen den Zeilen (die Fed sollte sich nicht vollkommen festlegen) klar, dass man pro Quartal das Tagesgeld um höchstens 25 Basispunkte verteuert, wäre dies vermutlich ein guter Weg, um den Marktteilnehmern die Angst zu nehmen und nachhaltige Turbulenzen zu verhindern, ohne das Ziel eines Ausstiegs aus der ultralockeren Geldpolitik aus den Augen zu verlieren.

Frau Yellen hat nunmehr zwei Monate geschwiegen. Jetzt muss sie ihre Fähigkeit zur geschickten Kommunikation umso mehr unter Beweis stellen.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank