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10.09.2015

QE kann nicht bis in alle Ewigkeit fortgeführt werden, sagt Sintje Boie.

Am 26. Juli 2012 hielt EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Investorenkonferenz in London eine historische Rede. Auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise, als der Euro kräftig unter Druck geraten war, die Renditen von Staatsanleihen aus der Euro-Peripherie dramatisch angestiegen waren und über ein Ausscheiden einzelner Länder aus der Währungsunion spekuliert wurde, sprach Draghi die drei magischen Worte „whatever it takes“. Die EZB werde „alles Notwendige tun – „whatever it takes“ –, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Die Finanzmärkte glaubten Draghi. Nach seiner Rede stabilisierte sich der Euro, die Zinsen der Krisenländer gingen zurück und die Aktienkurse kletterten nach oben.

Ganz so aufregend verlief die EZB-Zinssitzung am 3. September 2015 nicht. Aber sie könnte auch in die Geschichte als der Anfang vom endlosen QE – never-ending QE – in der Eurozone eingehen. Draghi betonte, „den Willen, die Bereitschaft, das Vermögen und die Fähigkeit der EZB, die expansive Geldpolitik noch weiter zu lockern, wenn es nötig werden sollte. Dabei gebe es für die EZB keine speziellen Grenzen in ihren Möglichkeiten.“ Mit diesen Aussagen hat Draghi die Tür für zusätzliche geldpolitische Lockerungen weit aufgemacht. Seit März kauft die Notenbank jeden Monat 60 Mrd. Euro an Anleihen, und die Käufe sollen bis Ende September 2016 fortgesetzt werden. Allein dadurch hat die EZB ihre Bilanzsumme um über 500 Mrd. Euro erhöht.

Endloses QE – wie hat man sich das vorzustellen? Nun ja, die Währungshüter könnten die monatlichen Ankaufvolumina erhöhen, das Programm über den September 2016 hinaus verlängern, die Kriterien für die Käufe aufweichen – das Ankauflimit pro Emission wurde auf der Zinssitzung schon von 25 auf 33% erhöht – oder das Anleihenspektrum erweitern, zum Beispiel mehr Anleihen von staatsnahen Unternehmen aufnehmen. Oder, oder, oder… Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Aber warum soll es eigentlich eine weitere Runde von QE geben? Die EZB betont, dass Abwärtsrisiken für die Konjunktur und die Inflation bestehen, was ein weiteres Handeln der Notenbanker notwendig machen könnte. Denn die Ölpreise sind erneut eingebrochen, und die Schwellenländer scheinen sich stärker als angenommen abzuschwächen. Noch wartet man im EZB-Rat ab, ob es sich um temporäre Entwicklungen handelt oder nachhaltige Risiken für die Eurozone existieren, also die Konjunkturerholung an Fahrt verliert und das mittelfristige Erreichen des Preisziels der EZB von knapp 2% in weitere Ferne rückt.

Doch rechtfertigt das Beschriebene wirklich QE für alle Ewigkeit? Es wird immer Risiken für die Konjunkturentwicklung geben. Und die Inflationsraten können auch einmal für einen längeren Zeitraum von Preisziel der EZB abweichen, zumal sie stark vom Ölpreiseinbruch beeinflusst sind. Das ist noch lange kein Grund, dauerhaft am Krisenmodus festzuhalten und das Niedrigzinsumfeld für die Eurozone festzuschreiben. Die EZB läuft Gefahr, dass der Krisenmodus viel zu spät verlassen wird und die Leitzinsen viel zu spät angehoben werden – nämlich erst zu einem Zeitpunkt, wo sich die nächste Konjunkturabkühlung schon am Horizont abzeichnet. Und was dann? Wieder QE? Da bleibt nur zu hoffen, dass es Draghi bei seiner säbelrasselnden Rhetorik belässt.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank