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Wochenkommentar
04.09.2015

Mit der Verlangsamung des Wachstums in China stehen in Japan die Abenomics als wirtschaftspolitisches Konzept vor dem Ende, meint Maximilian Wichert, Gast-Researcher der HSH Nordbank.

In Japan herrscht Ratlosigkeit. Ausgerechnet jetzt, da vom chinesischen Festland her ein Unwetter aufzieht, hat die Regierung mit wirkungslosen Kaskaden von billigem Notenbankgeld und kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen ihr Pulver verschossen. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt steckt sie tief im Reformstau. Die Diskussion um eine Abkühlung der Konjunktur im Reich der Mitte ist daher auch eine Diskussion um die wirtschaftliche Verfassung Japans. Und jetzt gehören die Karten auf den Tisch. Kaum eine Prognose von japanischen Ministerien und Notenbank erwies sich dieses Jahr als haltbar. Die Abenomics stehen mit der Verlangsamung des Wachstums in China als wirtschaftspolitisches Konzept vor dem Ende.

Wer die zuletzt immer wieder enttäuschenden japanischen Wirtschaftszahlen allein auf die Abkühlung des Welthandels schiebt, macht es sich und vor allem der japanischen Regierung zu leicht. Zwar wickelt das Land rund ein Fünftel seines Außenhandels mit China ab, ringt aber vornehmlich mit hausgemachten Problemen. Der beispiellose Schuldenberg von 232% des Bruttoinlandsproduktes, den Japan seit den Neunzigerjahren auftürmt, wird über die Notenpresse finanziert. Auf anderem Wege wäre das Land unter der Schuldenlast wohl schon zusammengebrochen. Die zur Vermeidung drohender Rating-Abstufungen nötigen Spar- und Reformanstrengungen sind schon mehrfach vom IWF angemahnt worden, da es strukturelle Mängel sind, die dem Land den Weg aus den Schulden und in nachhaltiges Wachstum verbauen. Das sind zum einen die verkrusteten Gefüge der japanischen Unternehmensverbünde. Ihre Abschottung gegen verbundfremde Firmen nimmt wettbewerblichen Druck vom Markt und steht Innovationen und Produktivitätssteigerungen im Weg. Letztere sind für eine nachhaltige Steigerung der globalen Wettbewerbsfähigkeit dringend nötig, werden aber durch die fleißige Mitwirkung am asiatischen Abwertungswettlauf zusätzlich blockiert. Zum anderen verlangt die dramatische Überalterung nach Antworten, die die Politik bislang schuldig geblieben ist. Junge Japaner zweifeln an der Fähigkeit ihres vergreisenden Landes, ihnen im Alter noch Wohlstand bieten zu können. Das damit einhergehende Misstrauen bremst die Binnennachfrage. Mittels längst überfälliger Reformen muss die Regierung es bewerkstelligen, mehr Wettbewerbsanreize zu schaffen. Nur auf diesem Weg kann die Basis für mehr Investitionen und höhere Einkommen gelegt werden, um so die Binnennachfrage anzukurbeln.

Die Abkühlung in China ist der letzte Weckruf für Japan, sich endlich krisenfest zu machen. Verschließt die Politik vor den Tatsachen aber weiterhin die Augen, wird sie ihre Prognosen immer wieder kassieren müssen. Sobald deren übertriebener Optimismus als Wunschdenken wahrgenommen wird, verbreitet er mehr Verdruss als Zuversicht. Wenn sich die Regierung den Herausforderungen nicht unverzüglich stellt, sind die Abenomics endgültig gescheitert.

Maximilian Wichert, Gast-Researcher der HSH Nordbank

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