SUCHE

27.08.2015

Eine langsamere Gangart Chinas wird Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen. Grund zur Panik besteht jedoch nicht, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt von der HSH Nordbank.

Ich sage nur China, China, China. Mit diesem Ausspruch beschwor der damalige Kanzler Kurt Georg Kiesinger im Wahlkampf 1969 die kommunistische Gefahr. Heute geht es eher um die Gefahr, die von einem zunehmend kapitalistischen China ausgeht, namentlich einer möglichen harten Landung der eng mit der Welt verflochtenen chinesischen Wirtschaft. Die Ängste davor sind nicht aus der Luft gegriffen, müssen aber differenziert betrachtet werden, wodurch sich einige Bedrohungen relativieren.

  1. Ausmaß der Wachstumsverlangsamung: Wachstumsraten von 10 plus x gehören in China der Vergangenheit an und die für dieses Jahr angestrebte Expansionsrate von 7% wird  nur schwer zu erreichen sein (wir erwarten ein BIP-Zuwachs von 6,5%).
  2. China als Absatzmarkt: Direkt am stärksten betroffen von der Wachstumsverlangsamung im Reich der Mitte sind Taiwan, Südkorea, Malaysia, Chile, Thailand und Australien, deren Exporte nach China zwischen 6 und 16% des jeweiligen BIP ausmachen. Für die USA liegt diese Kennzahl lediglich unter 1%, für Deutschland bei 2%.
  3. Rohstoffpreisrückgang: Neben den OPEC-Staaten und einigen Nicht-OPEC-Staaten wie z. B. Russland, die unter den gesunkenen Öleinnahmen leiden, setzen die niedrigen Preise für Eisenerz und Kohle Ländern wie Brasilien, Südafrika und Australien zu. Die meisten Industrieländer jedoch sind Nettorohstoffimporteure. Für die dortigen Unternehmen und Konsumenten wirken die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten wie ein riesiges wachstumsförderndes Steuersenkungspaket.
  4. Abwertungseffekt: Der Trend schwächerer Währungen bei den aufstrebenden Volkswirtschaften wurde durch die gezielte Abwertung des Renminbi verstärkt. Die Flexibilität der Wechselkurse ist grundsätzlich positiv, da anders als im Vorfeld der Asienkrise keine Devisenreserven zur Verteidigung eines unrealistischen Wechselkursziels verwendet werden müssen. Außerdem können die Exporte stabilisiert werden. Diesen Vorteilen steht das Problem einer relativ hohen Auslandsverschuldung des privaten Sektors gegenüber. Betroffen sind hier unter anderem Ungarn, Polen, Tschechien, die Türkei sowie einige lateinamerikanischen Länder wie Chile und Peru.
  5. Heimische Bondmärkte: In den vergangenen Jahren ist der Anleihenmarkt in heimischer Währung in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften deutlich gewachsen. Dies sorgt zunächst für eine stabilere Finanzierungsgrundlage. Allerdings sind auch ausländische Anleger in diesem Markt präsent und könnten sich aufgrund höherer Risikoaversion verstärkt hiervon zurückziehen. In der vordersten Reihe stehen hier Mexiko, Malaysia, Südafrika, die Türkei und Brasilien, wo der Anteil der ausländischen Anleihehalter zwischen 25 und 50% liegt.


China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und es wäre daher naiv, eine vollständige Abkoppelung der Weltwirtschaft von den dortigen Entwicklungen anzunehmen. Da die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften nicht zuletzt aufgrund höherer Devisenreserven und eines flexiblen Wechselkurssystems jedoch stabiler aufgestellt sind als in den 1990er Jahren und die Rohstoffpreisrückgänge für die Weltwirtschaft insgesamt einen positiven Effekt haben, dürfte sich der Erholungsprozess in den USA und der Eurozone nur leicht gebremst fortsetzen. Die Turbulenzen an den Aktienmärkten sollten daher nicht überbewertet werden.

Nach oben