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Wochenkommentar

Politische Börsen haben lange Beine, zumindest in China

07.08.2015

Der Absturz des chinesischen Aktienmarktes gefährdet den Reformkurs Chinas, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Mit der Brechstange versucht die chinesische Regierung dem freien Fall der Aktienkurse Einhalt zu gebieten. Wir sollten ihr viel Glück dabei wünschen, denn Erfolg oder Misserfolg könnte einen erheblichen Einfluss auf die langfristige Entwicklung in China und damit auch auf die Weltwirtschaft haben.

Die größte Gefahr, die von einem fortgesetzten Aktienkrach ausgeht, sind nicht so sehr die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen. So sind mit rund70 Millionen Anlegern nur relativ wenige Personen von den Kursverlusten betroffen, wenngleich sicherlich eher die konsum kräftigen Chinesen am Aktienmarkt aktiv sind. Wichtiger ist vielmehr, inwieweit die Reformagenda gefährdet ist. Denn sie entscheidet über das langfristige Wachstumspotenzial Chinas.

Schon vor dem Regierungswechsel im März 2013 war die Erkenntnis gewachsen,dass das Wachstumsmodell nicht mehr in der bisherigen Form fortgeschrieben werden kann. Die einseitige Ausrichtung auf Investitionen, das Bauen von ganzen Städten, die dann als Geisterstädte von sich Reden machen, die Exportabhängigkeit, derer man sich durch die schwere globale Rezession schmerzlich bewusst wurde, all das führte zu einem Umdenken. Und so hat Chinas Präsident Xi Jinping mit zahlreichen Reformen begonnen und sich dabei zunächst auf die Finanzmärkte konzentriert – möglicherweise als Einfallstor, um weit schwierigere und Privilegien angreifende Reformen zu implementieren. Das letztendliche Ziel ist es, dem privaten Konsum (der bislang lediglich 36% des BIP ausmacht) die Rolle eines Wachstumstreibers zukommen zu lassen und ein nachhaltigeres Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

Konkret hat die Regierung beispielsweise die Zinsen für Unternehmenskredite im Jahr 2013 vollständig liberalisiert und ist dabei,den Banken auch bei den Einlagenzinsen mehr Spielraum zu geben. Eine Einlagensicherung wurde im Mai 2015 eingeführt, womit die bisherige implizit unbegrenzte Garantie für Kreditinstitute durch eine begrenzte Garantie abgelöst werden soll. Kurz: Banken sollen in Zukunft auch pleitegehen dürfen. Zuletzt wurde außerdem ausländischen Investoren die Möglichkeit eingeräumt, sich stärker am chinesischen Aktienmarkt zu engagieren. Der politisch gewollte Boom an den Aktienmärkten, der in erster Linie rhetorisch von der Regierung gefördert wurde, war vermutlich eher ein Mittel, um Privatisierungen zu erleichtern bzw. die Rolle des Staates im Wirtschaftsgeschehen zu reduzieren. Angestrebt wird schließlich eine weitestgehende Öffnung der Kapitalbilanz, womit auch die internationale Handelbarkeit des Renminbi einhergeht.

Natürlich birgt die Liberalisierung der Finanzmärkte erhebliche Risiken.Gleichzeitig ist dieser Weg, wenn man ihn mit Bedacht und gut austariert geht, die einzige Möglichkeit, die Fehlinvestitionen in der chinesischen Wirtschaft zu minimieren und auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu gelangen. Bekommt die Regierung den Verfall der Aktienmärkte nicht in den Griff, könnte die gesamte Reformagenda in Frage gestellt werden. Man würde stattdessen reflexartig auf das alte Rezept zurückgreifen, Wachstum durch staatliche Investitionen zu generieren und Nachhaltigkeit hinten anstellen. Angesichts der bestehenden Überkapazitäten und des lang anhaltenden Rückgangs der Produktivität würde diese Marschroute in einer baldigen Vollbremsung der chinesischen Wirtschaft münden – zum Schaden der globalen Ökonomie.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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