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02.07.2015

Griechenland braucht eher früher als später einen radikalen Schuldenschnitt und tiefgreifende Strukturreformen, meint Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank.

Griechenland hält ganz Europa in Atem. Und wenn man auf die Finanzmärkte blickt, ist es sogar die ganze Welt. Denn nach dem abrupten Scheitern der Gespräche zwischen Gläubigern und Schuldner hatten die Aktienmärkte rund um den Globus heftige Kursverluste hinnehmen müssen. Das Referendum am 5. Juli ist ein weiterer Höhepunkt in der Krise. Die Griechen stimmen für oder gegen das Hilfsprogramm, das es eigentlich seit dem 30.06. nicht mehr gibt. Aber sie stimmen auch für oder gegen den Euro bzw. Europa ab und damit über die politische Zukunft von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Der hat Griechenland innerhalb weniger Monate sowohl wirtschaftlich als auch politisch gegen die Wand gefahren. Jetzt wurde der fällige Kredit des Internationalen Währungsfonds nicht zurückgezahlt und es besteht keine Hoffnung, dass Griechenland die nächsten Fälligkeiten begleichen kann. Sicher, die griechischen Politiker haben über Jahrzehnte reichlich Fehler gemacht. Aber seit der Finanzkrise war es ein Scheitern mit Ansage, an dem die Gläubiger nicht unschuldig sind.

Im Grunde ist Griechenland bereits seit fünf Jahren pleite. Die seit Ende April 2010 geschürten Rettungspakete und der Schuldenschnitt 2012 haben daran nichts geändert. Zwar hat der Staat mittlerweile kaum noch private Gläubiger, dafür jedoch umso mehr Schulden beim IWF und der EU angehäuft, die er jetzt nicht zurückzahlen kann. Woher soll das Geld auch kommen? Nicht zuletzt aufgrund der strengen Sparauflagen der Hilfsprogramme hat das Balkanland in den letzten Jahren eine beispiellose Rezession durchlebt. Seit 2007 ist das BIP um 27% eingebrochen, die Arbeitslosigkeit liegt bei über 25%, die Jugendarbeitslosigkeit sogar über 48%. Dass sich die Bevölkerung nach diesem Leidensweg politisch radikalisiert und sich an diejenigen wendet, die ein Ende aller Übel versprechen, ist kein Wunder.

Versäumt wurde von Seiten der Geldgeber den Umbau der Wirtschaft und vor allem der staatlichen Institutionen voranzutreiben. So musste Wirtschaftsminister Varoufakis kürzlich zugeben, dass eine Erhöhung der Steuern kaum mehr Geld in die Staatskassen spülen dürfte, da man nicht in der Lage sei, die Steuergelder einzuziehen. Machen wir uns nichts vor: Ein Auto ohne Motor fährt nicht. Griechenland braucht eher früher als später einen radikalen Schuldenschnitt und tiefgreifende Strukturreformen. Daher reichen Reformvorschläge auf dem Papier allein nicht aus. Um sie umzusetzen, wird Griechenland über viele Jahre auf die Hilfe der Europäischen Union angewiesen sein.

Heute gibt es viele gute Gründe mit Wut und Unverständnis auf Griechenland zu blicken. Ein weiterer könnte hinzukommen, wenn sich das griechische Volk beim Referendum gegen Europa entscheidet. Ohne Augenmaß und Pragmatismus bei allen Beteiligten wird es keine nachhaltige Lösung geben. Wenn nicht, droht mit oder ohne Grexit Griechenland, Europa und nicht zuletzt den Finanzmärkten ein Schrecken ohne Ende.

Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank

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