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11.06.2015

In China braut sich an den Aktienmärkten etwas zusammen, mit potenziell gravierenden Rückwirkungen für die Weltwirtschaft, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Es ist beunruhigend: Die Entwicklung des chinesischen Aktienmarktes weist eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Kursanstieg des Nasdaq-Aktienindex kurz vor dem Platzen der Technologieblase im März 2000 auf. Dies trifft insbesondere auf den technologielastigen Shenzhen-Index zu, der sich innerhalb eines Jahres verdreifacht hat und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 75 aufweist. Beim Nasdaq-Index lag der entsprechende Wert Ende 1999 bei rund 30.

"Na und?", werden Sie möglicherweise mit Bezug auf den berühmten Sack Reis sagen. "Na und" und China passt aber heute nicht mehr zusammen. Der Shanghai Aktienindex ist nach Marktkapitalisierung mittlerweile der drittgrößte der Welt, der Shenzhen-Index zählt zu den Top 10. Daraus ergeben sich mehrere Übertragungskanäle eines möglichen Crashs auf die globale Konjunktur und die Zinslandschaft.

  1. In China gibt es mittlerweile 163 Millionen Wertpapierdepots, die meisten davon in den Händen von jungen Menschen unter 35 Jahren, die als besonders konsumkräftig und -freudig gelten. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres ist die Zahl der Depots um 15 Prozent gestiegen. Man muss bei einem Absturz der Aktienkurse mit einem kräftigen Rückgang des privaten Konsums in dieser Gesellschaftsgruppe rechnen, was sich gesamtwirtschaftlich bemerkbar machen sollte. Bremst die zweitgrößte Lokomotive der Weltwirtschaft aber stärker ab als man das bisher erwartet, dürften auch die Exporteure in Deutschland, der Eurozone und anderen Regionen weniger Aufträge aus China erhalten. Ein schwächerer Wachstumsausblick könnte den Renditeauftrieb schwächen oder sogar zu einem Renditerückgang führen, was von der Schärfe des Kursrückgangs bei den Aktien abhinge.

  2. Bereits heute haben die so genannten H-Aktien aus China (diese werden nur in Hong Kong gehandelt und sind damit traditionell für ausländische Investoren zugänglich) bereits ein Gewicht von 25 Prozent im Schwellenländer-Index von MSCI. Perspektivisch könnte der Anteil chinesischer Aktien in diesem Index auf deutlich über 40 Prozent steigen, wenn nämlich die in Festland-China gehandelten Aktien (die sogenannten A-Aktien) eingeschlossen werden. Dies soll gemäß dem Indexanbieter MSCI allerdings frühestens Mitte 2017 geschehen. Abgesehen davon können Ausländer seit November 2014 viele Aktien, die in Schanghai notiert sind, direkt kaufen. Seitdem sind immerhin 25 Mrd. US-Dollar aus dem Ausland in entsprechende Titel geflossen. Kurz: Ein Kurssturz in China würde sich bei vielen Portfoliomanagern unmittelbar bemerkbar machen. Die verwandte Assetklasse der Schwellenländer-Bonds dürfte in diesem Fall als erste unter die Räder kommen. Flucht in Sicherheit bzw. in Bundesanleihen, sollte die Folge sein.

  3. Der Shenzhen-Markt ist nicht der einzige Finanzmarkt, der den Verdacht der Überhitzung auf sich zieht. Gerade erst hat Robert Shiller, Nobelpreisträger und Assetpreisblasen-Experte, auf die Gefahr der Überbewertung des amerikanischen Aktienmarktes hingewiesen. Selbst der Internationale Währungsfonds sieht im amerikanischen Finanzmarkt Parallelen zu der Situation im Jahr 2007, dem Jahr vor dem Ausbruch der Finanzmarktkrise. Entsprechend nervös könnten die Aktienmärkte rund um den Globus reagieren. Sollte es zu einem Herdenverhalten kommen, wäre es für Fed-Präsidentin Janet Yellen erheblich komplizierter, die wohl für September geplante Leitzinserhöhung durchzusetzen.

Vermutlich würde die chinesische Regierung kurzfristig mit alten Rezepten - expansive Fiskalpolitik, Aufdrehen des Kredithahns - auf eine derartige Entwicklung reagieren. Beruhigen kann das aber nicht, denn die entsprechenden Maßnahmen liefen dem bisherigen Reformkurs zuwider. Alles in allem hat ein Einbruch an den chinesischen Aktienmärkten - anders als früher - das Potenzial dazu, an den globalen Finanzmärkten einen Crash auszulösen.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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