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03.06.2015

Lässt man die geostrategische Dimension in der Griechenland-Krise außer acht, übersieht man die Hälfte der Gleichung, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Die ökonomische Dimension des Griechenland-Problems ist weitestgehend klar: Die Belastung für Deutschland im Fall eines Grexit liegt gemäß Ifo-Institut bei 85 Mrd. Euro. Für Griechenland wären die wirtschaftlichen Folgen eines Ausstiegs eine schwere Rezession, eine massive Abwertung einer neuen griechischen Währung sowie ein Anziehen der Inflation in den zweistelligen Bereich. Neben diesen wirtschaftlichen Faktoren gibt es aber auch die wesentlich komplexeren und nur schwer abzuschätzenden geopolitischen Folgen eines Grexit. Dabei geht es u.a. um folgende Fragen:

  • Politische Berechenbarkeit: In den 80er Jahren galt Griechenland noch als ein Partner mit einer relativ unzuverlässigen Außenpolitik. Dies wandelte sich in den 90er Jahren. Sollte das Land durch einen Euro-Ausstieg im wirtschaftlichen Chaos versinken, würde man eine stärkere Hinwendung zu Russland und China nicht ausschließen können. Unklar wäre in diesem Zusammenhang die weitere Mitgliedschaft Griechenlands in der Nato. Möchte man dieses Risiko eingehen?
  • Flüchtlingspolitik: Es wird geschätzt, dass in den vergangenen Jahren etwa 100.000 Flüchtlinge aus Afrika und Asien pro Jahr über Griechenland nach Europa illegal eingereist sind. Wie möchte man das Flüchtlingsproblem managen, wenn Griechenland nicht nur aus dem Euro, sondern auch aus der EU ausscheidet?
  • Energieversorgung: Griechenland spielt schon in diesen Tagen häufig die russische Karte. Berichten zufolge will sich Athen an dem russisch-türkischen Gaspipeline-Projekt beteiligen. Eigentlich war bislang geplant, eine Pipeline von Aserbaidschan an Russland vorbei nach Griechenland zu bauen. Gefährdet die EU durch einen Grexit ihr Ziel einer größeren Unabhängigkeit von Erdgas aus Russland? Zusätzlich könnten der EU Chancen entgehen, falls sich Meldungen über größere Erdgasvorkommen im Mittelmeer im Einflussbereich Griechenlands bestätigen sollten.
  • Außenpolitik: Angesichts der kritischen und äußerst instabilen Lage in Syrien, Libyen und (bis in jüngster Zeit) Ägypten, dem Zypern-Problem und dem Palästina-Israel-Konflikt muss die EU sich folgende Frage stellen: Soll Griechenland von seiner Rolle als potenzieller stabilisierender Faktor zu einem Umstand werden, der die Region zusätzlich destabilisiert?

Diese Punkte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Griechenland auch eigene geopolitische Interessen hat, den Status quo beizubehalten. Ein Austritt aus der Nato könnte das Land in einer unruhigen Region ungeschützt stehen lassen und ein Abschied von der EU würde das Flüchtlingsproblem möglicherweise nicht kleiner werden lassen – ein Blick auf die Millionen von syrischen Flüchtlingen in der Türkei zeigt dies. Unklar ist aber, ob die kommenden Entscheidungen auf der Basis rationaler Erwägungen getroffen werden. Ein trotziges „dann verlasst doch die Eurozone“ von Seiten der Euro-Staatschefs wäre daher äußerst leichtfertig. Andererseits sollte die Gewährung weiterer Hilfen ohne jegliche Bedingungen vor allem aus politischen Gründen eine rote Linie darstellen. Denn dadurch könnten sich linke Gruppierungen beispielsweise in Spanien und Portugal in ihren Euro-Austrittsbestrebungen bestätigt fühlen. Insofern dürfen sich die Euro-Partner nicht erpressen lassen. Sie sollten jedoch nicht nur bis 12 Uhr verhandeln, sondern notfalls auch bis 6 Uhr morgens.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank