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Wochenkommentar

Nie wieder steigende Zinsen oder die Wundertüten der EZB

21.05.2015

Die EZB nimmt immer mehr Einfluss auf den Rentenmarkt, meint Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank.

Kaum ist es am Euro-Staatsanleihemarkt zu einer Korrektur gekommen, hat dies die EZB auf den Plan gerufen. Ende April/Anfang Mai sind insbesondere die Renditen am langen Ende der Zinskurve sprunghaft angestiegen, die 10jährigen Bund-Renditen sind von Niveaus nahe der Nulllinie in der Spitze auf fast 0,80% geklettert. Hintergrund der Gegenbewegung nach den zuvor kräftigen Kursgewinnen war wohl eine Neubewertung des Marktes durch die Investoren angesichts verbesserter Konjunktur- und Inflationszahlen – die Teuerung hatte zuletzt den negativen Bereich verlassen und zusammen mit dem höheren Ölpreis die Inflationserwartungen zunehmen lassen.

Diese Bewegung ist der EZB zu schnell abgelaufen bzw. zu hohe Renditeniveaus scheinen ihr ein Dorn im Auge zu sein. Nicht anders ist es zu erklären, dass sich die Notenbank zu den Marktbewegungen geäußert und angekündigt hat, Anleihekäufe aus der Sommerpause (Juli, August) in die Monate Mai und Juni vorzuziehen. Begründung für diesen Schritt: In den Sommermonaten sei die Emissionstätigkeit so gering, dass die EZB ihr Zielvolumen an Anleiheankäufen von monatlich 60 Mrd. Euro nicht einhalten könne. Um aber im Durchschnitt diese Größe zu erreichen, müssten die Anleihen vorzeitig erworben werden. Die Argumentation ist wenig nachvollziehbar. Denn zum einen hat sich der Markt auf die Kaufvolumina der Notenbank pro Monat eingestellt. Zum anderen haben die Währungshüter in den Bedingungen für die Anleihekäufe bereits festgehalten, dass es im Zeitablauf zu Verschiebungen bei den monatlichen Kaufvolumina kommen kann. Also ist eine neuerliche Ankündigung dessen eigentlich nicht nötig.

Es sei denn, man verfolgt andere Ziele. Im Fall der EZB drängt sich sehr stark der Verdacht auf, dass diese verbal interveniert hat, um weitere Kursverluste auf dem Rentenmarkt zu verhindern und die Renditen wieder nach unten zu drücken. Und siehe da, der Markt hat entsprechend auf die Ankündigung reagiert. Möglicherweise bereitet die Notenbank mit den gesteigerten Ankaufvolumina im Mai und Juni auch schon höhere Käufe in der Zukunft vor, um sich gegen die aus den USA kommende Zinswende zu stemmen und das Renditeniveau längerfristig unten zu halten. Darüber hinaus hat der Euro mit dem jüngsten Renditeanstieg deutlich gegenüber dem US-Dollar zulegen können. Diese Entwicklung würde die EZB ebenfalls nur allzu gerne umkehren.

Merkwürdig, hat die Notenbank doch den Beschluss für das Anleiheankaufprogramm als geldpolitische Maßnahme auf die in der Eurozone bestehenden Deflations- und Konjunkturrisiken verkauft. Nun haben sich aber sowohl die Perspektiven für die Wirtschaft als auch für die Inflation verbessert. Dies scheint jedoch keine Rolle mehr zu spielen. Die EZB begibt sich in gefährliches Fahrwasser, denn sie versucht immer stärker Einfluss auf das Marktgeschehen zu nehmen. Damit macht sich die Notenbank unglaubwürdig. Ihr Eingreifen führt zu massiven Verzerrungen auf dem Rentenmarkt, die sich umso explosionsartiger lösen könnten, wenn die EZB einmal den Markt verlässt. Das Platzen dieser Blase würde die Finanzmärkte durcheinander rütteln und die Realwirtschaft beeinträchtigen. Bitte keine Wundertüten dieser Art mehr – ihre Folgen sind in der Zukunft auszubaden.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank