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07.05.2015

Der atemberaubende Anstieg der Bund-Renditen könnte einige Investoren dazu veranlassen, an die EZB zu appellieren, mehr Anleihen zu kaufen. Die Notenbank sollte diese Hilferufe ignorieren, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Hätte man vor einem Jahr gesagt, dass die langfristigen Bunds (damals bei 1,50%) bald bei 65 Basispunkten rentieren, hätte man als Antwort vermutlich erhalten: Ja, ja, heutzutage ist ja alles möglich, aber so schlimm wird es schon nicht kommen. Hätte man vor drei Wochen  behauptet, dass die langfristigen Bunds (da lag die Rendite bei 7 Basispunkten) bald bei 65 Basispunkten rentieren, wäre man als merkwürdiger Querdenker abgetan worden: Wie soll das denn gehen, die EZB kauft doch gerade den Markt leer.

Tatsächlich sind die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen in den letzten Wochen in einem atemberaubenden Tempo gestiegen. Einige Bondveteranen dürften sich an das Jahr 1994 erinnert fühlen. Damals stiegen die Bund-Renditen in nur 9 Monaten um rund 200 Basispunkte. Müssen wir erneut mit einem derartigen Bond-Crash rechnen? Anders gefragt: Ist die Europäische Zentralbank (EZB) machtlos?

Die EZB kauft monatlich rund 45 Mrd. Euro an Staatsanleihen von Euromitgliedsländern, davon etwa 10 Mrd. Euro Bunds. Da in diesem Jahr auf Nettobasis keine neuen Bunds auf den Markt kommen, die meisten Banken und Versicherungen sich eher unwillig in Bezug auf den Verkauf von Bundesanleihen zeigen, erschien es vielen Anlegern als eine sichere Wette, deutsche Staatsanleihen zu kaufen. Wenn aber zu viele Investoren die gleiche Idee haben, kommt es zu den so genannten „over-crowded trades“. Das ist so, als ob ein Mega-Rockkonzert gratis angeboten wird, die Menschen zu Tausenden zu dem Event gehen, im Ergebnis aber keiner das das Musikereignis genießen kann, weil die Konzerthalle aus allen Nähten platzt. Die meisten Besucher werden das Konzert vor seinem Ende verlassen. Die Frage ist: Kommt es zu einer Massenpanik oder können die Menschen die Halle ohne größere Zwischenfälle verlassen?

Wir gehen davon aus, dass derzeit in erster Linie spekulative Investoren das Feld räumen und Gewinne mitnehmen. Übertragen auf das Rockkonzert sind das die Besucher, die keine eingefleischten Fans sind, aber das Gratisangebot gerne mitgenommen haben. Die echten Fans dagegen bleiben. Bei den Bunds gehören dazu die Versicherungen, Pensionsfonds, Banken und ausländische Zentralbanken. Diese Institutionen sind im Durchschnitt bei wesentlich höheren Renditen (und damit niedrigeren Kursen) eingestiegen und verzeichnen daher - gemessen an ihren Einstiegskursen - immer noch hohe Kursgewinne. Abgesehen davon halten sie die Bundesanleihen aus regulatorischen Gründen oder, im Fall der Zentralbanken, weil diese Titel ein reibungsloses Währungsmanagement erlauben. Solange diese Investorengruppen die Ruhe bewahren und sich von den nervöseren Anlegern nicht anstecken lassen, ist mit einem baldigen Ende der Aufwärtsbewegung zu rechnen.

Kann die EZB dagegen halten? Theoretisch ja. So könnte sie bei ihrer nächste Sitzung etwa beschließen, dass QE-Programm noch auszuweiten und/oder die Ankäufe an die Marktsituation anzupassen. Besser wäre aber, wenn die EZB wie gehabt an ihrem Programm festhält (auch wenn wir es grundsätzlich als kritisch ansehen) und ansonsten das Geschehens den Marktkräften überlässt. Panik bei der EZB ist das Letzte, was man jetzt gebrauchen kann.