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16.04.2015

Hinter dem Ausgang der Wahl in Großbritannien verbergen sich enorme Risiken, meint Jan Edelmann, Gast-Researcher der HSH Nordbank.

Jahrzehntelang waren Wahlen in Großbritannien eine klare Sache: Tories und Labour Party tauschten mit verlässlicher Regelmäßigkeit ihre Rollen aus. Während die einen den Premierminister samt Regierung stellten, nahmen die anderen die Aufgabe der „Her Majesty’s Most Loyal Opposition“ wahr. Von diesem ungeschriebenen Gesetz gilt es nun Abschied zu nehmen. Bei den Unterhauswahlen im Jahr 2010 kam es erstmals seit dem zweiten Weltkrieg zu einer Koalitionsregierung, weil überraschend weder die Konservativen noch Labour eine tragfähige Mehrheit erringen konnten. Jetzt, drei Wochen vor der nächsten Wahl, steht die Welt für viele Briten nun vollends Kopf. Wer nach dem 7. Mai in die Downing Street Nummer 10 einzieht, ist so offen wie noch nie in der britischen Geschichte. Dies liegt an dem laut Umfragen geringen Abstand zwischen Tories und Labour sowie am starken Zugewinn kleinerer Parteien.

Diese Unsicherheit begleitet auch die Devisenmärkte, denn der Ausgang des Urnengangs könnte handfeste wirtschaftliche Auswirkungen für Europas zweitgrößte Volkswirtschaft haben. Die Kosten für kurzfristige Absicherungsgeschäfte gegen Wechselkursschwankungen des Sterlings zum Wahltermin erreichten in den vergangenen Tagen neue Höchststände. Dabei steht bei den Unterhauswahlen für die Briten viel mehr auf dem Spiel: Der konservative Regierungschef David Cameron hat im Fall seiner Wiederwahl einen Volksentscheid – wohl im Jahr 2017 – über den Austritt des Landes aus der europäischen Union angekündigt. Sollte sich Großbritanniens tatsächlich aus der Europäischen Union zurückziehen, würde dies einen unkalkulierbaren Schaden für beide Seiten hervorrufen. Insbesondere für die Briten könnte sich der so genannte „Brexit“ als wirtschaftliche Katastrophe erweisen, da das Land womöglich den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren würde – dem wichtigsten Absatzmarkt britischer Güter und Dienstleistungen. Dagegen hat der Chef der Labour Party, Ed Miliband, dem Druck bisher widerstanden und profiliert sich lieber als Gegner eines Referendums und als EU-Befürworter. Jedoch zeigt Miliband eine gewisse Skepsis gegenüber Marktkräften. Der politische Linksruck unter einer Labour-Regentschaft dürfte der Wirtschaft und dem Aktienmarkt sicher wenig Freude bereiten.

Bis zur Bekanntgabe des Wahlergebnisses bleibt es spannend. Eine Alleinregierung ist für Tories und Labour nach aktuellen Umfragen nicht zu erwarten. Wahrscheinlich kommt es zu einer labilen und kurzlebigen Koalitionsregierung oder sogar zu einer Großen Koalition nach deutschem Vorbild – ein Novum in der britischen Geschichte.

Bei allen Spekulationen scheint nur klar: Es droht eine schwierige Regierungsbildung, die die Märkte ins Chaos stürzen könnte. Ein Vorgeschmack lieferte das schottische Unabhängigkeitsreferendum vom September vergangenen Jahres. Damals brachte die politische Unsicherheit das Pfund zum Taumeln – selbst wenn eine knappe Mehrheit letztlich gegen ein souveränes Schottland stimmte. Sicher ist auch: Hinter allen zur Wahl stehenden Möglichkeiten verbergen sich enorme Risiken für den Inselstaat und seine derzeit (noch) robuste Wirtschaft.

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