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11.03.2015

Argentiniens Zahlungsunfähigkeit von 2001 bietet für Griechenland lehrreiches Anschauungsmaterial, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Aus griechischer Perspektive hat der Ausstieg aus der Währungsunion auf den ersten Blick viele Vorteile. Überspringt man zunächst die Probleme beim Übergang zu einer eigenen Währung und geht von einer deutlich niedriger bewerteten neuen Geldeinheit (z.B. Neue Drachme) aus, dann steigt die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands sprunghaft. Dies wird sich insbesondere im Tourismus bemerkbar machen, wo das Land unter anderem mit Spanien und der Türkei konkurriert. Immerhin trägt der Tourismus ca. 16% zum BIP bei. Griechenland exportiert im Übrigen Agrargüter und Lebensmittel, verarbeitete Mineralölprodukte sowie Metalle und Pharmaerzeugnisse, bei denen Griechenland auf den internationalen Märkten Marktanteile gewinnen könnte. Vorteilhaft wäre außerdem, dass die Notenbank Griechenlands bei einer eigenen Währung wieder in der Lage ist, eine mit der Fiskalpolitik  und der Konjunkturlage abgestimmte Geldpolitik zu betreiben.

Zu einem vollständigen Bild gehören aber auch die negativen Seiten einer eigenen und stark abgewerteten Währung. So führt Griechenland traditionell wesentlich mehr Produkte ein als es exportiert. Im vergangenen Jahr hat Hellas 41,6 Mrd. Euro an Gütern ein-, aber nur 23,6 Mrd. Euro ausgeführt. Während die Verteuerung der Einfuhren einen Anreiz bietet, verstärkt daheim zu produzieren, wird es zunächst für private Haushalte und Unternehmen durch die teureren Importe zu enormen Kostenbelastungen kommen. Darüber hinaus gibt es keinen Automatismus, der neue Produktionsstätten in Griechenland entstehen lässt, insbesondere dann nicht, wenn die Rahmenbedingungen aufgrund unzureichender Reformen mangelhaft bleiben.

Schließlich sollte man die Schwierigkeiten beim Übergang vom Euro hin zu einer eigenständigen Währung nicht unterschätzen. Argentinien bietet in dieser Beziehung ein anschauliches Beispiel. Das Land am Rio de la Plata betrieb bis Ende 2001 eine strikte Wechselkursbindung zum US-Dollar. Dieser Währungsverbund zwischen Peso und US-Dollar musste unter dem Druck der Kapitalflucht und der Schuldenlast im Dezember 2001 aufgegeben werden. In der Folge kam es zu einem unvorstellbaren Chaos: Vier Präsidenten lösten sich innerhalb von zwei Wochen ab, die Währung verlor bis zu 75% an Wert, die Wirtschaft schrumpfte im Jahr 2002 um 11%, während die Arbeitslosigkeit und die Kriminalitätsrate dramatisch stiegen.

Argentinien hält noch weiteres Anschauungsmaterial für Griechenland bereit. Denn das Land konnte sich zwar in den Folgejahren dank des Rohstoffbooms und des abgewerteten Pesos tatsächlich erholen. Heute steht das Land aber angesichts eines weiterhin von Vetternwirtschaft und Korruption geprägten Regierungsapparats schlechter da, als vor der Krise von 2001. So ist z.B. das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Stand von 1998. Auch wenn das Beispiel Argentiniens nicht einfach auf Griechenland übertragen werden kann, gibt es letztlich für Hellas eine schlichte und allgemeingültige Wahrheit: Der Wohlstand eines Landes hängt davon ab, wie viel Produkte und Dienstleistungen die Bürger dieses Landes in der Lage sind zu produzieren. Diese Wahrheit gilt unabhängig davon, ob Griechenland im Euro ist oder nicht. Würde sich diese Erkenntnis bei der neuen Regierung durchsetzen, täte sie sich mit den von Brüssel vorgeschlagenen Reformplänen nicht so schwer.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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