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Wochenkommentar
26.03.2015

In China steigt die Gefahr, dass der Umbau der Wirtschaft verschleppt wird, meint Stefan Gäde.

2015 ist Chinas Wirtschaft noch nicht in Gang gekommen. Während sich in der Eurozone der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Industrie auf Expansionskurs befindet, hat sich die Stimmung der Unternehmen im Reich der Mitte deutlich abgekühlt. Der HSBC Flash PMI der Verarbeitenden Industrie verzeichnete im März einen überraschend starken Rückgang von 50,7 auf 49,2 Punkten. Der unterhalb der Expansionsschwelle von 50 Punkten liegende Wert signalisiert eine Schrumpfung der industriellen Aktivitäten. Deshalb spricht einiges dafür, dass sich die konjunkturelle Abkühlung in China fortsetzen wird. Die Investoren auf dem chinesischen Aktienmarkt sehen dies allerdings nicht als schlechtes Zeichen an. Im Gegenteil: Weil sie auf eine weitere geldpolitische Lockerungen setzen, griffen sie bei den Dividendentiteln beherzt zu.

Auch aus Sicht der Regierung ist ein langsameres Wachstumstempo – geplante 7,0% in diesem Jahr – wünschenswert. Die Politiker wollen das alte Wirtschaftssystem umbauen. Dabei drängt die Zeit, denn die OECD warnt in ihrem jährlichen Länderbericht vor den Gefahren, die von einem Platzen der Immobilienblase und von den Überkapazitäten der Schwerindustrie ausgehen. Außerdem verweist die OECD auf die unterentwickelten Marktmechanismen in den Branchen, in denen Staatsunternehmen eine dominante Stellung haben, sowie auf Defizite im Bildungswesen. Die chinesische Regierung hat dies erkannt und auf dem Nationalen Volkskongress schmerzhafte Anpassungen angekündigt, um langfristig ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu sichern. Eine entscheidende Rolle soll künftig dem privaten Konsum zukommen. Dafür ist die Liberalisierung des Finanzsektors eine wichtige Voraussetzung, vor allem die Abschaffung der Bestimmungen für die Verzinsung von Privatkundeneinlagen. Nur so können Spargelder in Richtung Konsum umgelenkt werden. Ein zweiter großer Schritt soll unter dem Motto „Made in China 2025“ erfolgen. Hier geht es um eine Qualitätsoffensive, die in China den Wandel vom Produzenten billiger Massengüter zum Hersteller von innovativen Technologieprodukten einleiten soll.

Mit diesen Ankündigungen sind zwar große Erwartungen geweckt worden. Aber eine sehr wichtige Voraussetzung dafür, allen Unternehmen einen freien Zugang zu Eigenkapital und Krediten unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu ermöglichen, scheint heute noch in weiter Ferne. Mit den geplanten Großfusionen von hoch subventionierten Staatskonzernen wie der beiden Eisenbahngesellschaften CNR und CSR zu fast marktbeherrschenden Superkonzern werden sogar die alten Strukturen zementiert. Zudem muss sich zeigen, ob die von der Öffentlichkeit gutgeheißene Bekämpfung der Korruption durch die Regierung, nicht nur der Ausschaltung innerparteilicher Gegner dient, sondern auf Dauer auch die Misswirtschaft bei den Staatsunternehmen eindämmt.

Noch sind die sichtbaren Fortschritte in China gering. Angesichts der lahmenden Wirtschaft steigt die Gefahr, dass die Regierung Investitionsprogramme nach altem Muster auflegt und damit den Umbau der Wirtschaft verschleppt. Der chinesische Drache ist dabei, die Überholspur zu verlassen – hoffentlich landet er nicht auf dem Standstreifen.

Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank

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