SUCHE

05.02.2015

Der Ölpreis steigt wieder, meint Sintje Boie.

Lange Zeit war ganz klar: Die weltweiten Ölreserven und -ressourcen sind endlich, die Ölnachfrage aus Asien steigt immer stärker an, womit das Ölangebot nicht Schritt halten kann. Anders ausgedrückt, Rohöl ist ein knappes Gut und für knappe Güter muss man viel Geld bezahlen. Entsprechend erreichte der Ölpreis (Brent) mit rund 150 US-Dollar pro Fass im Sommer 2008 seinen bisherigen Höchststand.

Dann kam die Finanzkrise und damit einhergehend eine weltweite Wirtschaftskrise, die den Ölpreis kurzfristig auf Niveaus von 40 US-Dollar pro Fass drückte. Die Notierung konnte sich relativ schnell erholen und stieg in den Jahren nach der Finanzkrise in der Spitze bis auf über 120 US-Dollar pro Fass an. Der Zustand vor der Krise schien wieder hergestellt, die alten Denkmuster – Rohöl ist knapp und folglich teuer – galten erneut.

Seit Juni 2014 ist der Ölpreis deutlich abgesackt, zwischenzeitlich hat sich der Rückgang mit Ständen unterhalb von 50 US-Dollar pro Fass auf rund 60% summiert. Zuletzt hat sich die Notierung stabilisiert und ist zumindest leicht angestiegen. Was ist der Grund für diesen Preiseinbruch? Der Ölmarkt hat sich dramatisch gewandelt. Insbesondere aufgrund der Ölproduktion der US-Fracking-Industrie ist ein Angebotsüberschuss entstanden, der immer größer wird und sich auf Sicht der nächsten Jahre weiter erhöht. Dazu kommen eine OPEC, die ihre Förderung nicht drosseln will, sowie weitere Länder, die mit ihrem Ölangebot auf den Markt drängen, wie zum Beispiel Libyen oder der Iran. Das lässt eine Rückkehr zu den hohen Ölpreisen der Vergangenheit auf den ersten Blick wenig wahrscheinlich werden.

Viele Marktbeobachter argumentieren, dass angesichts des stetig zunehmenden Ölangebots kaum Preissteigerungen möglich sind. Umso überraschender war für sie der in den letzten Tagen gesehene Ölpreisanstieg. Ja, es stimmt, der Wandel auf dem Ölmarkt führt dazu, dass Preise oberhalb der Marke von 100 US-Dollar pro Fass aus dem Visier gerückt sind. Das bedeutet aber nicht, dass der Ölpreis nicht wieder nach oben klettern wird. Denn der Preisrückgang bedeutet auch, dass viele Ölprojekte – vor allem die der US-Fracking-Industrie – nicht mehr rentabel sind und dementsprechend nicht umgesetzt werden. Die Investitionen sinken, worunter das zukünftige Ölangebot leidet. Und schon stellt sich der zu erwartende Angebotsüberschuss gar nicht mehr ganz so gewaltig dar... Das dürfte zu einem steigenden Ölpreis führen – wenn auch moderat. Für höhere Ölpreise spricht auch, dass mit der weiteren Erholung der Weltwirtschaft die Ölnachfrage zunimmt. Es wird also (noch) nichts mit der von einigen beschriebenen schönen, neuen Welt, in der der Brent-Preis auf Sicht der nächsten Jahre nicht mehr über 50 US-Dollar pro Fass notiert. Das wäre als Konjunkturprogramm zwar sehr zu begrüßen, ist aber wohl eher Wunschdenken als Wirklichkeit.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

Nach oben