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12.02.2015

Die neue Regierung Griechenlands scheint ihre Verhandlungsposition maßlos zu überschätzen und riskiert, genau den Menschen Leid zuzufügen, die sie gewählt haben, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Es mag sein, dass der neue Finanzminister Griechenlands, Giannis Varoufakis, aufgrund seiner akademischen und praktischen Erfahrung in der Spieltheorie ein taktisch versierter Verhandlungspartner ist. Dann sollte er aber auch wissen, dass es neben strategischem Geschick vor allem auf die Verhandlungsposition ankommt. Diese ist schwach und die kursierenden Vorschläge, wie die neue Regierung an Geld zu kommen gedenkt, schwächen diese noch zusätzlich. Da ist die Rede von neuen Geldgebern wie den Vereinigten Staaten, Russland oder China – konkrete Angebote oder gar Summen wurden bislang nicht bekannt. Weiter möchte Varoufakis die Obergrenze für die Aufnahme von Geldmarkttiteln um 10 Mrd. Euro erhöhen – die Europäische Zentralbank als Verwalter der bisherigen Obergrenze hat diese Forderung klar zurückgewiesen. Ein anderer Vorschlag ist, den Bankenrettungsfonds anzuzapfen, in dem noch 11,5 Mrd. Euro liegen – angesichts der Fragilität des Bankensektors sicherlich keine gute Idee, die im Übrigen bei den europäischen Partnern nicht auf Gegenliebe stößt. Irritierend ist auch die jetzt geäußerte Forderung der Rückzahlung eines Zwangskredits, den die damalige Bank von Griechenland der Deutschen Reichsbank 1942 ausbezahlt hat.

Auf der anderen Seite stehen die übrigen Euroländer. Sie dürften angesichts eines gut ausgestatteten ESM-Rettungsfonds, institutioneller Fortschritte wie der gemeinsamen Bankenunion sowie einer Gewehr bei Fuß stehenden Europäischen Notenbank einen Ausstieg Griechenlands aus der Währungsgemeinschaft ohne größere Blessuren verkraften. In der Sprache des Fußballs würde man sagen: Griechenland liegt weit zurück und spielt trotzdem auf Zeit.  

Es gibt jetzt grob gesprochen zwei Möglichkeiten, wie dieses Verhandlungsspiel, das kein Spiel ist, ausgeht: Ein mehr oder weniger sauberer Kompromiss oder ein chaotischer Ausstieg. Im ersten Fall würde die neue griechische Regierung ihre harte Linie verlassen und auf das zu erwartende Angebot der Euroländer eingehen, die Laufzeiten der Schulden zu strecken, die Kuponzahlungen zu senken und bei einigen ausgewählten Reformschritten Modifikationen vorzunehmen. Als Zwischenschritt wäre der gerüchteweise diskutierte sechsmonatige Brückenkredit denkbar.

Im zweiten Fall würden Ministerpräsident Tsipras und sein Finanzminister die harte Linie (Schuldenschnitt, keine weiteren Reformschritte) beibehalten, die es einigen Euroländern unmöglich machen, einem so geprägten Abkommen zuzustimmen. Die Europäische Zentralbank würde in diesem Fall die Notfallkreditlinien für die griechische Geschäftsbanken verbieten und somit den Geldhahn zudrehen. Schon vorher müsste man mit einem Sturm auf die Banken rechnen, der das Einfrieren von Einlagen und Kapitalverkehrsbeschränkungen erzwingen würde. Die neue Regierung hätte dann noch eine letzte Chance zur Umkehr. Wahrscheinlicher wäre zu dem Zeitpunkt dann aber das Ende der Mitgliedschaft in der Währungsunion, politisches Chaos und eine erneute wirtschaftliche Depression.

Die Gefahr ist real, dass die neue Regierung in Athen den Bogen überspannt. Die Leidtragenden werden in diesem Fall genau die Menschen sein, die Tsipras als Heilsbringer gewählt haben. Varoufakis und sein Chef sollten dies in ihren spieltheoretischen Überlegungen berücksichtigen.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank