SUCHE

Wochenkommentar
11.12.2014

Es geht dieses Mal um die Zahlungswilligkeit und nicht um die Zahlungsfähigkeit Russlands, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Fallende Ölpreise und dramatischer Verfall des Rubels, das waren die Zutaten für die Russlandkrise von 1998. Damals stellte Russland seine Zahlungen für einen Großteil der Staatsschulden ein und wirbelte die Weltfinanzmärkte durcheinander, was in dem Beinahe-Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM mündete. Die Parallelen der heutigen Situation zu damals liegen auf der Hand: Der Ölpreise ist seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent zurückgegangen und das gleiche gilt für die Bewertung des Rubels. Während im Jahr 1998 die Lage an den Finanzmärkten aufgrund der Asienkrise noch fragil war, ist sie noch immer von der Banken- und Staatsschuldenkrise gekennzeichnet. Als Unsicherheitsfaktoren kommen heute noch die Spannungen zwischen Ukraine und Russland sowie die Sanktionen, insbesondere für Kapitalmarkttransaktionen, hinzu.

Aus den Fundamentaldaten lässt sich zunächst eine weitaus weniger dramatische Lage als damals ableiten. So ist die Staatsverschuldung mit etwa 13 Prozent des BIP wesentlich geringer als im Jahr 1997 (rund 50 Prozent des BIP), während die Währungsreserven mit 421 Mrd. US-Dollar einen ganz anderen Krisenpuffer darstellen, als die Devisenbestände von 17 Mrd. US-Dollar Ende 1997. Positiv ist auch das flexiblere Währungsregime, da dadurch – anders als bei der damals vorherrschenden harten Anbindung des Rubels an den US-Dollar – die Devisenreserven geschont werden. Zudem muss die Geldpolitik nicht zum Zwecke der Wechselkursverteidigung eingesetzt werden – 1998 hat die russische Zentralbank den Leitzins auf bis zu 150% hochgeschraubt und die Konjunktur entsprechend beeinträchtigt.

Leider kann man dennoch nicht Entwarnung geben. Sorge bereitet die Gemengelage aus hoher Auslandsverschuldung auf Seiten der Banken und Unternehmen (rund 600 Mrd. USD, von denen etwa ein Sechstel im kommenden Jahr fällig werden), Finanzsanktionen sowie die schwere Kalkulierbarkeit des Verhaltens des russischen Präsidenten. Da es sich zu einem großen Teil um staatliche Banken und Unternehmen handelt, geht es vor dem Hintergrund der hohen Währungsreserven zumindest kurzfristig nicht um die Zahlungsfähigkeit sondern um die Zahlungswilligkeit Russlands. Angesichts des Sanktionsstreits kann man einzelne Zahlungsausfälle oder aber die Implementierung von massiven Kapitalverkehrsbeschränkungen nicht ausschließen, die die Bedienung der Schulden rein technisch erschweren oder unmöglich machen.

Dies würde je nach Ausmaß der Zahlungsausfälle Spuren an den Weltfinanzmärkten hinterlassen. Die Risikoaversion stiege, wovon zunächst insbesondere  die Anleihen von Schwellenländern und Anleihen von Unternehmen mit schwacher Bonität (so genannte Junk-Bonds) betroffen wären. Die Aktienmärkte würden ebenfalls, ähnlich wie in 1998, signifikant nachgeben. Die großen Notenbanken würden gegensteuern (EZB, BoJ) oder  zumindest pausieren (Fed, BoE). Auch wenn die möglichen Folgen eines derartigen Szenarios schwer zu greifen sind, sollte dennoch folgendes beachtet werden: Russlands Anteil am Welt-BIP liegt nur bei 3 Prozent und der in diesem Szenario unterstellte niedrige Ölpreis hat eine stabilisierende Wirkung für die großen Industrieländer. Trotz berechtigter Sorgen gibt es Grund zu der Erwartung, dass es im Fall der Fälle nicht zu einer unkontrollierten Abwärtsspirale käme.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Nach oben