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Wochenkommentar

Deutschland geht es besser als es die Statistik erlaubt

18.09.2014

Basiert die aktuelle Geld- und Fiskalpolitik auf falschen BIP-Statistiken? Das wäre fatal, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Stellen Sie sich vor, Deutschland ist in der Rezession und keiner merkt’s. Das ist die Situation, die wir – traut man den Daten des statistischen Bundesamtes – Ende 2012 und Anfang 2013 erlebt haben. Zwei Quartale hintereinander ist in dieser Zeit die Wirtschaftsleistung zurückgegangen. Mal ganz ehrlich: Wenn das eine Rezession war, dann verliert das Wort doch viel von seinem Schrecken. Es gab nicht mehr, sondern weniger Arbeitslose, die meisten Menschen waren ausgabenfreudiger und die Stimmung im Unternehmenssektor war blendend. Daher die Frage: Kann man dem Zahlenwerk des statistischen Bundesamtes tatsächlich trauen? Und welche Konsequenzen hätte eine Fehleinschätzung des Wirtschaftswachstums für die Wirtschaftspolitik, insbesondere für Finanzminister Wolfgang Schäuble und Zentralbankpräsident Mario Draghi?

Zunächst zu der Frage, wie verlässlich die Zahlen des statistischen Bundesamtes sind. Tatsache ist, dass die Erstveröffentlichung des BIP auf nur relativ wenigen harten Daten beruht und man insbesondere im Bau- und Dienstleistungssektor – der größte Sektor unserer Volkswirtschaft – auf Schätzungen angewiesen ist. Erst zwei Jahre später liegen relativ vollständige Daten (beispielsweise die Umsatzsteuerstatistik) vor und erlauben eine genaue Berechnung des BIP. Revisionen sind daher nicht ungewöhnlich und es gab Jahre wie 2001 und 2006, für die das Wirtschaftswachstum im Nachhinein etwa ein Prozentpunkt höher angesetzt wurde.

Fest steht, dass die sinkenden Arbeitslosenraten, die sprudelnden Steuereinnahmen sowie der Anstieg des GfK-Konsumindikators nicht kompatibel sind mit einem rückläufigen Output. Patrick Meier von Kiel Economics, der diese Diskussion in den vergangenen Jahren verstärkt in die Öffentlichkeit getragen hat, stellt beispielsweise fest, dass der Ifo-Index noch jede Rezession in Deutschland erfasst hat – nur nicht die von 2012/13. Meier führt die Fehleinschätzung unter anderem darauf zurück, dass bei den ersten Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der Außenwirtschaftssektor übergewichtet und der Binnensektor untergewichtet ist. In Zeiten, wo die Dynamik dieser beiden Sektoren auseinandergeht – Abschwächung bei den Exporten, Stärke beim Konsum – führt dies zu einer systematischen Unterschätzung des Wachstums.

Geht man davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland etwa 1,5 Prozentpunkte höher liegt als derzeit dargestellt – in dieser Größenordnung liegt die Einschätzung von Kiel Economics – hat dies erhebliche Konsequenzen für die Fiskal- und die Geldpolitik. Finanzminister Schäubles hätte eigentlich für das nächste Jahr einen Überschuss planen müssen, um Reserven für schlechte Zeiten aufzubauen. Stattdessen brüstet er sich mit einem Budgetsaldo von Null, viel zu wenig angesichts der guten Konjunkturlage. Und Notenbankpräsident Draghi hätte eine schwächere Argumentationsgrundlage für seine neuen monetären Maßnahmen, denn der BIP-Anstieg in der Eurozone wäre in etwa 0,5 Prozentpunkte höher als heute ausgewiesen.

Die Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sind eine wichtige Entscheidungshilfe für die Wirtschaftspolitik. Insofern steht das statistische Bundesamt unter einem gewissen Druck, sowohl rasch als auch mit möglichst hoher Genauigkeit Wirtschaftsdaten zu liefern. Die Vergangenheit und die Ungereimtheiten zeigen jedoch, dass der Wunsch nach Schnelligkeit offensichtlich zu viel Gewicht erhält. Es ist an der Zeit, die Schätzmethoden und den Zeitpunkt der Datenveröffentlichung zu überdenken. Nur so können auf falschen Daten beruhende wirtschaftspolitische Maßnahmen vermieden werden.

Cyrus de la Rubia
Chefvolkswirt der HSH Nordbank