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Wochenkommentar

Der schwache Euro ist kein Rettungsanker für die Konjunktur der Eurozone

01.10.2014

Eine schwache Währung ist kein Ersatz für Strukturreformen, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Der Euro stürzt ab. Und viele Politiker freuen sich, allen voran Entscheidungsträger aus Frankreich. Die Abwertung sei dringend notwendig, um das Wachstum in der Eurozone wieder anzukurbeln. Zwei Dinge sind zu hinterfragen: Erstens, was bringt die Abwertung der Eurozone wirklich? Zweitens, handelt es sich tatsächlich um einen Absturz der Gemeinschaftswährung?

Zunächst ist mit einem Denkfehler aufzuräumen. Die Exporte eines Landes profitieren nicht automatisch von der Abwertung ihrer Währung. Die Länder der Eurozone führen insgesamt etwa 45 Prozent ihrer Exporte innerhalb der Währungsunion aus. Die Verbilligung der Gemeinschaftswährung verpufft in Bezug auf diese Ausfuhren wirkungslos. Dazu kommt, dass von den Ex-Eurozone-Exporten mehr als ein Drittel in Euro gehandelt werden, so dass nur von einem eingeschränkten Effekt der Abwertung ausgegangen werden kann.

Im Fall Frankreichs führt vor diesem Hintergrund eine grobe Berechnung zu dem Ergebnis, dass die Abwertung unmittelbar nur bei rund einem Viertel aller Ausfuhren zu mehr Wettbewerbsfähigkeit führt. Dazu kommt der relativ geringe Anteil des französischen Außenhandels am BIP von rund 21 Prozent, was deutlich unter dem deutschen Wert von rund 45 Prozent liegt. Es bedürfte also eines wesentlich stärkeren Kurssturzes gegenüber den wichtigsten Handelswährungen, um in Frankreich einen spürbaren gesamtwirtschaftlichen Effekt zu erhalten. Ähnliches gilt für die Währungsunion insgesamt.

Darüber hinaus sollte man nicht die negativen Effekte der Abwertung vergessen: Die Importe von außerhalb der Eurozone werden sich tendenziell verteuern, allen voran die Rohstoffeinfuhren, die in der Regel in Dollar denominiert sind. Hier geht ein Teil der gewonnenen Wettbewerbsfähigkeit wieder verloren. Außerdem dürfte es schwieriger werden, sich im Ausland zu refinanzieren, wenn die Investoren eine Abwertungserwartung aufbauen.

Eine kontraproduktive Nebenwirkung des Wertverlustes des Euros könnte zudem eine weitere Verzögerung bei der Umsetzung von Strukturreformen sein, in der vergeblichen Erwartung eines kräftigen abwertungsbedingten Konjunkturimpulses. Erneut muss Frankreich als Fallbeispiel herhalten: Die keynesianische Idee, makroökonomische Variablen wie der Wechselkurs und die Zinsen seien Ersatz für mikroökonomische Strukturreformen, ist offensichtlich in diesem Land besonders beliebt. Premierminister Manuel Valls appellierte Anfang September an die Europäische Zentralbank (EZB), den Euro schwach zu halten – und wurde scheinbar erhört. Die bis jetzt mangelnde Aktivität Präsident Hollandes an der Reformfront dürfte mit dieser Einstellung zu tun haben.

Muss man angesichts des politischen Drucks auf die EZB mit einer weiteren Abwertung des Euros rechnen? Wir erwarten, dass die gegensätzlich ausgerichteten Geldpolitiken der Europäischen Zentralbank und der US-Notenbank den Euro noch etwas unter Druck setzen werden. Vieles dürfte allerdings bereits eingepreist sein. Darüber hinaus wird die US-Notenbank ihre Zinserhöhungsschritte im kommenden Jahr vermutlich recht vorsichtig gestalten, womit sich die Eurobewertung stabilisieren dürfte (Prognose Ende 2015: 1,25 Euro/US-Dollar). Wechselkurse können jedoch überschießen und sich von ihren Fundamentalwerten zeitweise entfernen. Während einige Politiker aus der Eurozone darauf hoffen mögen, würde eine derartige Bewegung volkswirtschaftlich keine sichtbaren positiven Spuren hinterlassen. Eine gezielte Abwertung des Euros würde der Reputation der Notenbank und des Euros schaden. Davon sollte die EZB die Finger lassen.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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