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Wochenkommentar
24.07.2014

Anleger gehen immer höhere Risiken ein, meint Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank.

Die Peripherie-Länder der Eurozone können sich wieder zu unfassbar geringen Zinsen am Kapitalmarkt refinanzieren – so als hätte es die europäische Schuldenkrise nie gegeben. 10jährige spanische Staatsanleihen sind beispielsweise mit einer Rendite von aktuell rund 2,50% auf einen Rekordtiefstand gefallen. Die Liquiditätsschwemme, herbeigeführt durch die großen Notenbanken, führt zu einem Niedrigzinsumfeld, das die Anleger auf der verzweifelten Suche nach Renditeaufschlägen jegliche Vorsicht vergessen lässt. Risikogesichtspunkte spielen bei der Anlageentscheidung nur noch eine untergeordnete Rolle.

Dieses Investorenverhalten hat nicht nur dazu geführt, dass sich Staaten immer günstiger Geld am Kapitalmarkt besorgen können, auch wenn sich ihre Fundamentaldaten keineswegs in der gleichen Geschwindigkeit verbessern. Unternehmen profitieren ebenfalls von dieser Entwicklung und sind immer weniger auf Kredite der Geschäftsbanken angewiesen, da sie sich zu rekordniedrigen Zinsen am Kapitalmarkt refinanzieren können. Das gilt nicht nur für Unternehmen mit guter bis mittlerer Bonität (Investmentgrade), auch Anleihen bonitätsschwacher Unternehmen – so genannte Junk Bonds – stoßen auf rege Nachfrage bei den Investoren. Entsprechend sind die Renditeaufschläge bei Junk Bonds gegenüber Staatsanleihen so gering wie vor der Finanzkrise.

Mit den gesunkenen Zinsen steigt die Versuchung von Staaten sowie Unternehmen, ihre Verschuldung auf- und nicht abzubauen. Zwar können Notenbanken und Politik die Marktteilnehmer davon überzeugen, dass Staaten nicht pleitegehen können bzw. dass in Not geratene Länder Hilfe bekommen. Doch für Unternehmen gibt es wohl keine Überlebensgarantie, daher sollten sie sich gut überlegen, ob sie ihre Verschuldung tatsächlich immer weiter in die Höhe schrauben wollen.

Denn was passiert, wenn die Zinsen eines fernen Tages – der wahrscheinlich näher ist, als es sich die meisten Marktteilnehmer vorstellen können – wieder steigen sollten? Dann werfen auch sicherere Anlageklassen mehr Rendite ab und können an Attraktivität bei Investoren zulegen. Entsprechend dürfte aus risikoreicheren Anlagen Kapital abgezogen werden. Das Problem dabei ist, dass diese Bewegung nicht ruhig und gesittet ablaufen wird, sondern sprunghaft und rasant. Denn auch die Zinsen werden, wenn sie einmal im Steigen begriffen sind, schnell nach oben klettern. Die gebildeten Blasen dürften wie aus dem Nichts platzen und erhebliche Finanzmarktturbulenzen mit sich bringen. Und wieder könnten alle sagen: „Das war so nicht vorauszusehen…!!!“ Noch bleibt Zeit, dieser Entwicklung vorzubeugen. Oder ist es unser Schicksal, die gleichen Fehler immer wieder zu machen?

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

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