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17.07.2014

Die Zentralbanken aus den USA und der Eurozone sollten die zahlreichen Warnungen vor Vermögenspreisblasen ernst nehmen, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Zug, der seine Maximalgeschwindigkeit voll ausfährt. Der Lokführer erhält von vielen Seiten die Warnung, der Zug könne verunglücken, da die Strecke nicht für dieses Tempo bestimmt sei und er solle doch einen Gang herunterschalten. Der Lokführer erwidert, dass er sein Ziel pünktlich erreichen und die Strecke entsprechend sicher gemacht werden müsse, damit er sein Tempo beibehalten könne.

Das ist in etwa der Diskurs, der derzeit in Bezug auf die richtige geldpolitische Strategie geführt wird. Janet Yellen, die Lockführerin und US-Notenbankchefin, weigert sich das Expansionstempo ihrer Geldpolitik signifikant zu drosseln und verweist auf die so genannten makroprudentiellen Regeln (regulatorische Eingriffe), die für eine unfallfreie Fahrt sorgen sollen und die in der Verantwortung der Finanzaufsicht lägen.

Auf eine ähnliche Argumentationslinie hat sich der Chef der Europäischen
Zentralbank (EZB), Mario Draghi, bei seiner letzten Pressekonferenz begeben. Man habe durch die Bilanzüberprüfungen und den Stresstest im Bankensektor bereits Maßnahmen in diese Richtung ergriffen und die Ausschüsse für Finanzstabilität wären für die Stabilitätsrisiken sensibilisiert. Aber die Inflation sei zu niedrig, man halte sich daher die Option offen, breit angelegte Anleiheankäufe einzuführen.

Jeremy Stein, bis Mai 2014 Mitglied im Fed-Gouverneursrat, warnte bereits im Februar letzten Jahres davor, dass makroprudentielle Maßnahmen nicht dazu geeignet seien, um in alle entlegenen Ecken des Finanzsystems zu dringen. Das Instrument des Zinses dagegen sei sehr wohl dazu in der Lage. Die von ihm präsentierten Daten, die des IWF-Finanzstabilitätsreports vom April und des jüngsten BIZ-Jahresberichts decken sich mit der anekdotischen Evidenz aus Gesprächen mit Investoren und anderen Marktteilnehmern: alles deutet auf Vermögenspreisblasen hin, wie beispielsweise bei Anleihen bonitätsschwacher Emittenten, ausgewählten Immobilienmärkten, den Staatsanleihen südeuropäischer Länder und weiteren Marktsegmenten.

Die US-Notenbank scheint mit der Reduktion der Anleiheankäufe auf dem richtigen Weg. Möglicherweise ist der Wendepunkt aber schon vor längerer Zeit überschritten worden. Unter diesen Umständen würde das Destabilisierungsrisiko auch bei den kleiner werdenden Ankaufvolumina weiterhin steigen.

Die EZB versucht mit ihrem jüngsten Maßnahmenpaket die neuen Liquiditätsspritzen in den Kreditvergabekanal zu lenken. Die Nebenwirkungen in Form steigenden Anlagedrucks und entsprechend höherer Finanzstabilitätsrisiken dürften erheblich sein, so dass sich das Paket letztlich als kontraproduktiv erweisen kann.

Auf Seiten der staatlichen Entscheidungsträger muss es zur Einsicht kommen, dass die Zentralbanken mit ihrer Politik nur Zeit gekauft haben und diese möglicherweise bereits abgelaufen ist. Wenn man mehr und nachhaltiges Wachstum möchte, müssen produktivitätserhöhende Reformen begonnen und/oder fortgeführt werden. Darüber hinaus ist Geduld notwendig. Das Motto für die Notenbanken sollte sein: Lieber etwas später zum Ziel kommen, als einen schweren Unfall zu riskieren.

Dr. Cyrus de la Rubia
Chefvolkswirt der HSH Nordbank AG