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12.06.2014

Die Europäische Zentralbank ist mit ihren geldpolitischen Maßnahmen über das Ziel hinausgeschossen, meint Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank.

Auf ihrer Zinssitzung am 5. Juni hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Finanzmärkte mit einem ganzen Maßnahmenpaket geradezu bombardiert. Angesichts der schwachen Inflationsentwicklung war mit weiteren geldpolitischen Maßnahmen gerechnet worden, doch der Umfang des Paketes war für viele Marktbeobachter überraschend. In einer Zeit, in der andere große Notenbanken wie die Bank of England (BoE) oder die Fed allmählich über eine Straffung der Geldpolitik nachdenken, beabsichtigt die EZB neue Liquidität in die Märkte zu pumpen, um die rückläufige Kreditvergabe in der Eurozone anzukurbeln. Im April ist das Kreditvolumen an die private Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr immer noch um 1,8% zurückgegangen.

Entsprechend sind die beschlossenen Langfristtender (TLTROs) an eine zusätzliche Kreditvergabe der Banken gekoppelt – werden nicht genügend Kredite vergeben, müssen die Banken die Liquidität vorzeitig wieder zurückgeben. Das zunächst abrufbare Volumen für die Banken liegt bei 400 Mrd. Euro. Die EZB macht die schwächelnde Kreditvergabe verantwortlich für das niedrige Wirtschaftswachstum in der Eurozone – insbesondere in Südeuropa würden kleine und mittelständische Unternehmen dringend benötigte Kredite nicht bekommen, können sich aber gleichzeitig kein Geld am Kapitalmarkt besorgen.

Äußerst fraglich ist aber, ob die beschlossenen Maßnahmen tatsächlich die Kreditvergabe ankurbeln. Denn ihre Schwäche ist vor allem auf eine noch wenig dynamische Nachfrage zurückzuführen, auf die die Notenbank keinen Einfluss hat. Darüber hinaus hat es durchaus seine Berechtigung, dass schwache Unternehmen keine Kredite bekommen. Die EZB kann nicht die Bereinigung der Bankbilanzen sowie den Abbau fauler Kredite forcieren und gleichzeitig wollen, dass die Banken neue Risiken in ihre Bilanz nehmen.

Außerdem umfasst das Mandat der EZB nicht die Ankurbelung der Kreditvergabe. Die EZB ist einzig und allein der Wahrung der Preisstabilität im gemeinsamen Währungsraum verpflichtet, die bei einer Inflationsrate bei knapp 2% als erreicht angesehen wird. Dieses Ziel wird derzeit deutlich verfehlt, was als Argumentationsgrundlage für die neuen geldpolitischen Maßnahmen seitens der Notenbank gilt. Aber ist davon auszugehen, dass sich die Liquiditätsschwemme in steigenden Inflationsraten bemerkbar macht? Wohl eher nicht. Oder nur, wenn sich allmählich auch die Konjunkturdynamik erhöht. Doch diese kann die EZB mit ihren Maßnahmen nicht nachhaltig befeuern. Hier sind die einzelnen Regierungen in der Eurozone gefragt, die die strukturellen Probleme ihrer Länder lösen müssen. Wirklich Abhilfe schafft die EZB mit ihren Maßnahmen also nicht. Es wäre daher besser gewesen, sich in Bezug auf die Inflations- und Konjunkturentwicklung in Geduld zu üben, denn die aktuelle Geldpolitik ist nicht ohne Risiken. Sie führt nur zu Fehlentwicklungen wie Blasen in anderen Bereichen.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank

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