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Wochenkommentar

Risiken einzelner Euroländer werden nicht adäquat bewertet

24.04.2014

Eine Risikodifferenzierung ist dringend erforderlich in Euroland, meint Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank.

Die Eurozone erfüllt wieder das Defizit-Kriterium nach Maastricht und weist per Ende 2013 einen negativen Budgetsaldo von 3,0% des BIP aus, nach 3,7% Ende 2012. Es wäre aber verfrüht, darüber zu jubeln. Denn der Schuldenstand ist weiter gestiegen, und die Unterschiede zwischen den einzelnen Euro-Ländern sind erheblich.

So kann Deutschland erstmals wieder einen ausgeglichenen Haushalt aufweisen, während die öffentliche Verschuldung sogar rückläufig war (78,4% nach 81% des BIP 2012). Dagegen konnten die Problemländer Irland, Spanien und Portugal zwar ihr Haushaltsdefizit im Vergleich zum Vorjahr verringern, doch es bleibt relativ hoch und liegt weiterhin deutlich über der nach Maastricht erlaubten Höchstgrenze von 3% des BIP (Irland: 7,2%, Spanien: 7,1%, Portugal: 4,9%). Auch der Schuldenstand dieser Länder hat sich im Jahresvergleich erhöht. In Frankreich und Italien befindet sich das Budgetdefizit des Staates auf nicht ganz so hohem Niveau. Allerdings hat Frankreich seinen Fehlbetrag 2013 im Vergleich zu 2012 kaum reduziert und es ist mehr als fraglich, ob das Land – wie im Rahmen des Defizitverfahrens vereinbart – schon 2015 einen nach Maastricht konformen Haushaltssaldo vorlegen kann. In Italien ist das Defizit 2013 genauso wie im Vorjahr mit 3,0% des BIP angegeben worden – damit hat sich bei der Neuverschuldung trotz konjunktureller Belebung keine Besserung ergeben.

Ein ganz anderes Kaliber ist weiterhin Griechenland. Zwar hat das Land nach Berechnungen der Troika 2013 einen Primärüberschuss (Definition: Staatseinnahmen abzüglich -ausgaben ohne Berücksichtigung der Zinsausgaben) in Höhe von 0,8% des BIP erzielt. Doch neben den Zinsausgaben fanden hierbei auch die als einmalig deklarierten und durch den Rettungsschirm bedingten Kapitalspritzen an den griechischen Bankensektor keine Berücksichtigung. Mit Zinsausgaben beläuft sich das Defizit auf 2,1% des BIP; rechnet man die Kapitalspritzen an den Bankensektor hinzu, summiert sich die Neuverschuldung auf sagenhafte 12,7% des BIP. Das ist ein spürbarer Anstieg im Vergleich zu 2012 – dazu kommt, dass die öffentliche Verschuldung auf 175,1% geschnellt ist, der höchste Schuldenstand in der Eurozone.

Die Zahlen machen deutlich, wie unterschiedlich die bereits erzielten Fortschritte der Euro-Länder bei der Haushaltskonsolidierung sind. Schaut man jedoch auf den immensen Renditerückgang bei Staatsanleihen aus den Problemländern seit Jahresanfang, drängt sich einem eher der Gedanke auf, dass die Anleger auf der Suche nach einem attraktiven Renditeaufschlag die Euro-Länder zunehmend wieder in einen Topf werfen. Risiken werden von Anlegern nicht mehr adäquat bewertet und entsprechende Differenzierungen nur ungenügend vorgenommen – das zeigt insbesondere die fulminant gelaufene Bond-Emission der Griechen Anfang April. Dieses Verhalten hat zur europäischen Schuldenkrise beigetragen, denn es ermöglichte einzelnen Ländern, deutlich über ihre Verhältnisse zu leben. Es wäre gut, die alten Fehler nicht noch einmal zu begehen.

Sintje Boie, Analystin der HSH Nordbank